Brief an einen Freund

Lieber Freund,

es ist nicht jedermanns Sache, über Tod und Krankheit zu sprechen oder zu lesen, obwohl beides zum Leben wie das »Essen und Trinken« gehört. Lege diesen Brief getrost beiseite, wenn du nicht über Tod und Krankheit lesen möchtest, obwohl er dennoch von Optimismus strotzt.

Wenn man wie ich dreiviertel Jahr aus dem Berufsleben ausgeschieden ist, hat man komischer Weise gar nicht mehr Zeit, dafür aber die besondere Möglichkeit, ganz anderen Gedankengängen nachzugehen.

Das ist das besonders Positive und Bemerkenswerte und für mich so Beruhigende, dass es in solchen Zeiten immer wieder Menschen (auch und gerade unter meinen Kolleginnen und Kollegen) gibt, die völlig unerwartet auf einen zukommen, Solidarität zeigen und sich kümmern. All denen bin ich sehr dankbar.

Im April 2006 lautete noch die medizinische Prognose bezüglich meiner Lebensdauer:

Nach Feststellung von Metastasen des Merkelzellkarzinoms (eine sehr aggressive, kleinzellige Krebsart wie die des Lungenkrebses) im Lymphknoten unterm linken Arm (Onkologische Diagnose: links axiliäre lymphonodale Metastasierung eines neuroendokrinen Karzinoms, immuhistochemisch Merkel-Zell-Carcinom)

»Ein paar Monate« und nach nochmaligem Nachfragen:

»Vielleicht ein Jahr!«, aber das Erreichen des Jahreswechsels 2006/07 war schon mit vielen Fragezeichen versehen.

»Statistische Überlebenschance 5 % !«.

Die erste Prognose habe ich bereits überlebt und auch die zweite und dritte will und werde ich überleben. Der Primärtumor ist bis heute nicht gefunden worden. Ich hoffe, mein Immunsystem hat ihn gekillt! Die Lymphknoten unterhalb meines linken Arms wurden operativ entfernt, 28 hochdosierte Bestrahlungen habe ich über mich ergehen lassen, keine Chemo!

In der Zwischenzeit war ich nicht faul, habe vielmehr die Zeit für mehrere Operationen und Krankenhausaufenthalte, viele medizinische Untersuchungen, eine 7-wöchige Bestrahlung, eine mit vielen Anwendungen ausgefüllte 6-wöchige Anschlussheilbehandlung und wiederum für viele Nachuntersuchungen genutzt. Das einzige, was die Schulmedizin sicher weiß, ist, dass sie Metastasen dieses sehr aggressiven kleinzelligen Merkelzellkarzinoms in meinem Körper gefunden hat, und es kein schulmedizinisches Mittel gegen diesen Krebs gibt, außer dass sie mir diagnostisch mitteilen können, wenn der Körper mit Metastasen ganz befallen ist (Endstadium!).

Wie ich nun mal bin, habe ich die mir noch übrig bleibende Zeit genutzt, sehr viel zu lesen, zusammenzutragen und auszuarbeiten, Fachmann meiner sehr seltenen Erkrankung zu werden, aber auch Überlebensstrategien außerhalb schulmedizinischer Wissenschaft zu erforschen. Alle Menschen, die das Unglaubliche geschafft haben, das letzte Krebsstadium der Metastasierung zu überleben, haben eins gemeinsam: Sie gingen mit Ihrer Krankheit eigenverantwortlich und offensiv um, entwickelten Spiritualität und änderten etwas an ihrer Lebensweise, um Harmonie von Körper, Seele und Geist herbeizuführen, jeder in seiner ihm angemessenen Art und Weise.

Genau das versuche ich: Ab der ersten Stunde nach der Hiobsbotschaft im April 2006 wusste ich, dass solche Botschaften nur Aufforderungen zur Besinnung und Änderung von Lebenseinstellungen sein können. Mir war schon damals sofort klar, dass von nun an die Harmonisierung von Körper, Seele und Geist im Vordergrund zu stehen hat. Als erstes habe ich deshalb meine Liebesbeziehung harmonisiert und meine langjährige Lebensgefährtin samt ihren vier Kindern geheiratet! So komme ich jetzt, nachdem ich meine eigenen zwei Kinder alleinerziehend groß gezogen habe, auf die stolze Zahl von 6 Kindern!

Aber auch sonst gilt, Lebensgewohnheiten bezüglich Ernährung, Bewegung und Stressfaktoren mit mehr oder minder Erfolg zu harmonisieren und zu ändern.

Ich trainiere körperlich und geistig. Aber es ist schwieriger als im Berufsleben: Solche persönlichen »kleinen« Veränderungen kosten noch mehr Arbeit, Kraft und vor allem Ausdauer und Durchhaltevermögen … und viel Zeit. – Ich bin dabei und werde noch lange dazu brauchen (und deshalb auch noch länger leben müssen!).

Im Abschlussbericht meines Anschlussheilverfahrens heißt es:

»Psyche: geordnet, offen, kooperativ, positiv eingestellt«

»Krankheitsverständnis und Informationsstand des Patienten / Krankheitsverarbeitung: der Patient ist über seine Krankheit sehr gut informiert …«

»Rehabilitationsverlauf und –ergebnis: … Der Patient hat an allen Anwendungen engagiert teilgenommen. Die Möglichkeit, selbst etwas für seinen Gesundheitsprozess zu tun, stellt für ihn eine wichtige Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung dar. Er will in Zukunft ein kombiniertes Bewegungs- und Entspannungsprogramm in seinen Alltag integrieren. … Der Patient ist sehr motiviert. … Eine stufenweise Wiedereingliederung in seine berufliche Tätigkeit nach dem Hamburger Modell ist nach medizinischem Ermessen zu Beginn des nächsten Schuljahres möglich. …«.

Nach Weihnachten nehme ich meinen Dienst wieder auf, wenn auch vorerst reduziert. Dafür bringe ich viel Dankbarkeit und unbeschreibliches, überschwängliches Lebensglück mit. Davon gebe ich gerne und reichlich ab, denn für jemanden, der diesen Jahreswechsel 2006/07 nicht mehr erleben sollte, ist dieses Weihnachtsfest wie eine Wiedergeburt, ein Neubeginn, ein Anfang, dem gleich eines Samens die Kraft eines Baumes innewohnt.

Es gibt nicht nur eine Wahrheit außer der letzten, es gibt unzählige: Jeder hat seine eigene Wahrheit, die nur er wahrnimmt, erfährt und ändern kann. Eine möchte ich gerne weitergeben: Was wie eine Hiobsbotschaft aussieht, kann im Nach herein sehr wertvoll sein. In dem letzten dreiviertel Jahr habe ich mehr positive Dinge und Entwicklungen erfahren dürfen, als ich mir zuvor hab‘ vorstellen können.

Meine Gedanken während meiner Anschlussheilbehandlung in Wyk auf Föhr habe ich im Wesentlichen auf Postkarten so zusammengefasst:

Postkartenmotiv: Fußspuren im Sand – Wyk auf Föhr, 28. August 2006

Das Meer mit seinen ständig schlagenden Wellen
beruhigt und macht nachdenklich:

Meer – Sand – Dünen
Wind – Regen – Sturm
Sonne – Mond – Gezeiten

Ich tauche ab und tauche auf,
die Flut wühlt meine Gefühlswelt auf,
die Ebbe nimmt meine Tränen
mit ins tiefe Meer.

Ein Teil
dieses ewigen Naturkreislaufes zu sein,
beruhigt.

Mir geht es gut!

Fußspuren im Sand,
so vergänglich wie wir,
sie gehen unter mit den Gezeiten
verwischen und bleiben doch so lange,
wie wir sie vor unserem inneren Auge sehen!

Auf den Spuren meines Lebens
suche ich den roten Faden, den Sinn … :

WOFÜR und WARUM BIN ICH?

Aber keine Angst, ich grüble nicht
ich lasse es wirken, ich lasse zu,
ich füge mich ein in diesen ewigen Kreis.

Postkartenmotiv: Wolken über den Halligen – Wyk auf Föhr, 30. Oktober2006

Nun heißt es: „Abschied nehmen von der Insel“,
aber ich nehme Eindrücke von hier mit:

Es war eine ZEIT
des Suchens und Findens,
des Lachens und Weinens,
der Einsamkeit und Zweisamkeit
von Wind und Sturm, Ebbe und Flut,
eine ZEIT der ewigen Gezeiten
in ihrem Rhythmus,
ein einfach unbeschreibliches Glück,
wofür ich dankbar bin.
Natur kann so grausam und wunderschön sein,
wie Leben und Tod … ,
es ist nur eine Sache der Perspektive!

Diese Perspektive konnte ich hier auf der Insel
für mich finden: sie macht mich dankbar,
demütig, ausgeglichen, Angst-frei und glücklich.

Das Ziel ist vorgegeben,
aber den Weg dorthin können wir uns
leidvoll oder angenehm gestalten.

Letzteres versuche ich
und wünsche es Euch von Herzen:
glückliche, friedvolle Harmonie

Auch den Sinn meines Lebens habe ich gefunden, denn es ist der, den man sich selber gibt! – Du weißt doch, das Ziel steht fest: »Entwicklung«! Aber den Weg dorthin kann jeder selber bestimmen, natürlich auch bestimmen, die Verantwortung an andere abzugeben. Jeder kann sich selbst entscheiden, welchen Weg er nehmen will, natürlich auch entscheiden, es anderen zu überlassen, für ihn zu entscheiden. Am Ende wird jeder sehen, welcher der glücklichere Weg war. – Ich jedenfalls neige zur Selbstbestimmung.

Zu den Feiertagen und zum Jahreswechsel möchte ich Dir in eigenen Worten wünschen:

Sieh und akzeptiere die Welt
in ihren unterschiedlichsten Farben,
bereichere sie mit der ganzen Schönheit
Deiner einzigartigen Seele, Gefühle und Gedanken.

Lass die Sonne in Dir scheinen,
sieh die Welt in den Farben Deiner Träume,
erhelle sie mit dem Licht Deiner positiven Gedanken
und gib ihr die Wärme deines Herzens.

Dass meine Frau mich nicht nur in meinen unterschiedlichsten Farben akzeptiert, sondern mir noch die Wärme ihres Herzens gibt, wie ich sie umgekehrt akzeptiere und liebe, das hat die größte Heilwirkung!, das ist die Liebe!

Eine erfüllte, strahlende Liebe wünsche ich auch Dir, mein lieber Freund, von ganzem Herzen. Stelle Dich mental darauf ein, ohne Kopf, denn Liebe kommt nicht aus dem Kopf (da sind eher Zweifel angesiedelt!), sondern aus dem Bauch. Du weißt, Glaube (und der kommt aus dem Bauch) versetzt Berge, und Gedanken (Kopf) versehen mit emotionalisierten Visionen (Bauch) sind mächtiger als Du ahnst.

In diesem Sinne wünsche ich Dir Glaube und Macht, Veränderung und Entwicklung, Wärme, Licht und Liebe von ganzem Herzen,

ein gesegnetes Weihnachtsfest und
ein erfülltes, zufriedenes, gesundes neues Jahr 2007,
Dein Stephan

Autor: Stephan Wolters

Seine Briefe, Notizen und Tagebucheintragungen sind mittlerweile beim BoD-Verlag erschienen: Gras in den Dünen - Band 1 - Tagebuch eines Überlebenden im Angesicht des Todes BoD-Verlag, ISBN: 978-3-8391-2573-1 Gras in den Dünen - Band 2 - Briefe und Notizen eines Überlebenden im Angesicht des Todes BoD-Verlag, ISBN: 978-3-8391-2328-7

2 Gedanken zu „Brief an einen Freund“

  1. Hallo Stephan, ich freue mich für Dich (ich darf doch Du sagen?), dass Du gegen diese aussichtslose Diagnose kämpfen konntest und dies dem „Arschloch“ Krebs die Stirn Geboten hast.
    Ich hoffe, es geht Dir immer noch gut!
    Auch mein lieber Thomas bekam letztes Jahr im August diese schreckliche Diagnose. Metastasen in den Halslymphknoten waren leider erst der erste Hinweis.
    Kein Primärtumor.
    Wir haben gemeinsam gekämpft, OP, Bestrahlung und Anschlussheilbehandlung.
    Hatten Hoffnung und fühlten uns gewappnet für den Kampf.
    Leider hat mein lieber Thomas diesen schon im Januar verloren.
    Nicht einmal 5 Monate.
    Wir haben bis zur letzten Minute gehofft und gekämpft. Hatten keine Zeit mehr wichtige Dinge zu regeln.
    Jetzt kämpfe ich allein weiter, für die Anerkennung als Berufskrankheit. Mein Thomas war 40 Jahre Bademeister.
    Ich hoffe sehr, Du hast gewonnen!
    Kaum ein Mensch kennt diese Krankheit.
    Ich drücke die Daumen, herzlichst Barbara

  2. Liebe Barbara,

    erst jetzt lese ich durch Zufall Deine Zeilen, die mich tief bewegen.

    Und ja, es geht mir noch immer gut nach dem Metastasenbefall als 56jähriger im April des Jahres 2006 und der bitteren Prognose „maximal noch 6 Monate“ leben zu dürfen! Ich habe zum Leben zurückgefunden, auch wenn ich durch Burnout im Jahre 2011 und deren Folgen mich 2013 zum vorzeitigen Ruhestand mit 63 Jahren entschlossen habe: Seitdem ist heilsame Ruhe eingekehrt und ich genieße dankbar mein Dasein. – Da der Primärtumor nie gefunden worden ist, also verschwunden sein kann oder sich aber nur verkapselt hat, muss ich immer mit einem erneuten Ausbruch rechnen, auch nach 12 Jahren Überleben.

    Um so mehr lese ich mit großem Respekt und Bewunderung von Eurem Kampf, auch wenn oder gerade weil er nach 5 Monaten verloren ging.

    Jemand, der den Kampf ums Überleben nach einem vernichtenden Krebsbefund nicht kennt, mag vielleicht irritiert sein, aber Du wirst mich sicherlich verstehen, wenn ich zu behaupten wage, dass allein der aufgenommene Kampf gegen diese schreckliche Krankheit nicht nur Aussichtslosigkeit und Depressionen hinterläßt, sondern tiefe Einsichten, nie gekannte Emotionen und Gefühle, und trotz verlorenen Kampfes vor allem: innere Stärke! Die wünsche ich Dir weiterhin von Herzen, zumal dieser gemeinsame (wenn auch scheinbar verlorene) Kampf mit Deinem geliebten Thomas mit Sicherheit Zugehörigkeit und Verbundenheit über seinen Tod hinaus bewirkt hat, wie andere dies so stark kaum erfahren werden: Nimm diese Erfahrung, dieses Gefühl und diese Kraft mit auf den Weg in Deinen anstehenden neuen Lebensabschnitt, den Du nun vor Dir hast.

    Trauer wird und muss durchlebt sein, aber darf nicht ewig währen.

    Auch im Sinne Deines verstorbenen Ehemannes Thomas wünsche ich Dir als die Überlebende dieses Kampfes die nötige Kraft, Mut und besonders den Erfolg, Dein Leben trotz oder gerade wegen des Krebses und Todes (beides gehört leider auch zum Leben!) Deines Ehemannes wieder in den Griff zu bekommen.

    Bald schon, so hoffe ich für Dich, werden die positiven Momente Eures Kampfes, das Wir-Gefühl, die positiven Emotionen, die komischerweise erst so richtig durch den gemeinsamen Kampf entstehen, bei Dir überhand nehmen, um Dein Leben positiv neu zu bestimmen, denn dann war Euer Kampf nicht umsonst. Thomas hat seinen Frieden, wenn auch bitter erkämpft. Du wirst für Dein Leben, Deinen Frieden und Dein Glück noch weiterkämpfen müssen.

    Nutze all das, was Euch beiden in dieser harten Zeit trotz allem stark gemacht hat, um Dein Leben und Deine Zuversicht wiederzufinden.

    Das ist sicherlich auch im Interesse von Thomas, denn dann ist sein scheinbar verlorener Kampf doch nicht verloren, sondern hat noch einen tieferen Sinn!

    Mit tiefem Respekt und Mitgefühl,

    Stephan Wolters

    Sieh und akzeptiere die Welt
    in ihren unterschiedlichsten Farben,
    bereichere sie mit der ganzen Schönheit
    Deiner einzigartigen Seele, Gefühle und Gedanken.

    Lass die Sonne in Dir scheinen,
    sieh die Welt in den Farben Deiner Träume,
    erhelle sie mit dem Licht Deiner positiven Gedanken
    und gib ihr die Wärme Deines Herzens.

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