Bericht über die Krebserkrankung meines Vaters

Bei meinem Vater wurde im April 1999 Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreas-Karzinom, Cancer of Pankreas) entdeckt.

Mein Vater:
Josef Rosen, geboren am 17.10.1942.
Vater von einem Sohn. Beruf : Schneider, beschäftigt als Industriearbeiter bei einem Automobilzulieferer. Er hat einen kräftiger Körperbau mit leichtem Übergewicht und ist leidenschaftlicher Raucher (10-15 Zigaretten am Tag).

Vorab zu meinem Vater:

Er ist der einzige Mann, den ich verehre. Ich bin wahnsinnig stolz auf meinen Vater, denn er hat mein Leben geprägt wie kein anderer Mensch. Er hat mir Werte vermittelt, nach denen es sich zu leben lohnt. Er ist der Vater, den sich wohl jeder Sohn wünscht. Neben meiner Mutter ist er der liebste Mensch, der mir jemals begegnet ist. Obwohl wir des öfteren sicherlich nicht einer Meinung waren, kann ich heute nur sagen, daß ich stolz bin, sein Sohn zu sein.

Ich stelle mir oft die Frage warum bekommt ausgerechnet mein Vater Krebs, warum ein so lieber Mensch, der keinem anderen jemals etwas Böses zugefügt hat, warum keiner dieser Diktatoren, die tausende von unschuldigen Menschen bis in den Tod mißhandeln und quälen? Wir leben in einer so modernen hochtechnisierten Gesellschaft und warum gibt es immer noch kein Heilmittel gegen diese schleichende unaufhaltsame Krankheit?

Dieser Bericht ist sicherlich stark subjektiv, da er halt von einem Betroffenen geschrieben wird. Jeder, der einmal in so einer Situation war, wird mir sicherlich bestätigen können, daß es sehr schwer ist, die für den Betroffenen besten Entscheidungen zu treffen. Genauso erging es auch unserer Familie.

Entdeckung des Bauchspeicheldrüsenkrebses – Operation

17.04.1999 Samstag
Wir haben den 29. Geburtstag meiner Cousine gefeiert. An diesem Tag hat mein Vater Bauchschmerzen bekommen. Niemand hat sich etwas dabei gedacht. Sicherlich hatte er etwas gegessen das ihm nicht bekommen war.

20.04.1999 Dienstag
Die Bauchschmerzen haben nicht nachgelassen und sind sogar noch schlimmer geworden. Hinzugekommen ist ein sehr starker Blähbauch. Die Schmerzen sind so stark, daß mein Vater die Arbeit liegen lassen muß. Er fährt sofort von seinem Arbeitsplatz zu seinem Hausarzt. Bei einer Ultraschalluntersuchung entdeckt der Hausarzt etwas Verdächtiges in der Region der Bauchspeicheldrüse.

21.04.1999 Mittwoch
Eine CT – Aufnahme bestätigt den Verdacht. Zu erkennen ist ein Geschwulst in der Bauchspeicheldrüse mit ca. 2 cm Durchmesser. Verdacht auf einen Tumor, es kann aber auch eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse sein. Mein Vater bekommt eine Überweisung in die Krefelder Klinik. Der Begriff Tumor hat uns alle in einen Angstzustand hineinversetzt. Meine Mutter bricht in Tränen aus.

22.04.1999 Donnerstag
Mein Vater wird in die Chirurgische Klinik Krefeld verlegt. Eine Operation soll Klarheit darüber verschaffen, was genau in der Bauchspeicheldrüse ist. Nach Möglichkeit soll dabei dieser Tumor auch entfernt werden. Von allen Seiten wird uns Mut gemacht. Der Oberarzt erklärt uns, daß ein Tumor in den seltensten Fällen bösartig ist. Die Wahrscheinlichkeit für einen bösartigen Tumor sei sehr gering. Außerdem unterscheide man bösartige Tumore auch noch weiter in verschiedene Klassen, wobei man die meisten relativ gut behandeln könne. Nur in äußerst seltenen Fällen wäre eine Behandlung weniger erfolgreich. Eine genaue Klassifizierung kann erst eine Gewebeprobe ergeben. Mein Vater denkt natürlich an das aller Schlimmste. Meine Mutter und ich versuchen immer wieder, ihn von seinen negativen Gedanken abzubringen. Seit diesen Tag hat mein Vater keine Zigarette mehr geraucht. Er hat sich zwar 3 volle Schachteln mit ins Krankenhaus genommen, aber keine davon angerührt.

23.-27.04.1999
Der Termin für die Operation wird auf den 29.04.1999 gelegt, der 51.Geburtstag meiner Mutter. Wir alle denken uns, vielleicht ist es ein gutes Omen, vielleicht bringt es meinem Vater Glück und er kann meiner Mutter mit einer erfolgreichen Operation das beste Geburtstagsgeschenk machen das man sich vorstellen kann.
Bis dahin muß mein Vater noch zahlreiche Voruntersuchungen über sich ergehen lassen. Die Ärzte möchten vor dem Eingriff so viele Informationen wie möglich erhalten. Die umliegenden Organe sollen mit Mini- Kameras, die oral und anal eingeführt werden, nach Lymph- Knoten untersucht werden. Diese Untersuchungen erfordern, daß der Magen meines Vaters ausgespült wird. Dafür muß mein Vater literweise ein übel schmeckenden Mittel trinken. Er darf außerdem keine feste Nahrung zu sich nehmen. Mein Vater verliert 7-8 kg an Gewicht. Nach Aussagen der Ärzte waren alle Untersuchungen positiv, es wurden keine verdächtigen Lymph-Knoten entdeckt. Dies hat uns wieder ein wenig Auftrieb gegeben.

28.04.1999
Heute ist der 30. Hochzeitstag meiner Eltern, aber wen wundert’s, so recht kam keine freudige Stimmung auf. Ein Tag vor der großen Operation haben wir einen Termin beim Oberarzt. Er erklärt uns detailliert was meinen Vater morgen erwartet. Anhand von Zeichnungen versucht er uns zu erläutern welche Optionen bei der bevorstehenden Operation bestehen.
Option: Der Tumor befindet sich am Kopf der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), hat somit auch die Blutversorgung des Pankreas befallen. Bei dieser Operation muß der gesamte Pankreas entfernt werden, da die Blutversorgung zum Pankreas ebenfalls entfernt werden müßte. Die Dauer der OP würde ca. 3 Stunden betragen. Mein Vater müßte danach ohne Bauchspeicheldrüse weiterleben, was allerdings mit heutigen Tabletten durchaus ertragbar wäre. Die fehlende Funktionalität der Bachspeicheldrüse würde durch Enzympräparate ersetzt werden.
Option: Der Tumor befindet sich in der Mitte des Pankreas. Bei dieser Operation würde es reichen nur einen Teil des Pankreas zu entfernen. Somit würde auch ein Teil der Funktionalität erhalten bleiben. Diese Operation sei allerdings aufwendiger, da die Teile des Pankreas wieder vernäht werden müßten. Die Dauer dieser OP würde ca. 6-8 Stunden andauern. Nach dieser OP würde mein Vater in der Intensivstation zur besseren Überwachung wieder aufwachen.
Option: Anhand der CT Aufnahmen erläutert uns der Oberarzt die Lage des Tumors. Zu erkennen ist, daß der Tumor sehr nah an der Hauptschlagader sitzt, die an der Wirbelsäule entlang läuft. Leider kann man anhand der Aufnahmen nicht sagen, ob die Hauptschlagader schon angegriffen ist oder nicht. Das hänge stark von der Oberflächenbeschaffenheit des Tumors ab. Ist er klar abgegrenzt, wie die CT Aufnahme eigentlich vermuten läßt, dann wäre noch ein Abstand von mehreren Millimetern zur Hauptschlagader vorhanden. Im anderen Falle wäre eine operative Entfernung des Tumors nicht möglich. Mein Vater würde danach in seinem Zimmer wieder aufwachen. Diese Option hat uns allen einen tiefen Schrecken eingejagt.
Mein Vater hat an diesem Abend ein Beruhigungsmittel bekommen, damit er ruhig schlafen kann. Meine Mutter und ich hätten sicherlich auch eins vertragen können.

29.04.1999 Donnerstag
Die Operation hat um 8:00 Uhr morgens begonnen. Kurz vor Mittag hat meine Mutter in der Klinik angerufen um sich zu erkundigen. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater noch im Operationssaal. Bei uns keimte schon so etwas wie Hoffnung auf, da die Operation doch recht lange andauerte. Gegen 13:00 Uhr war die Operation beendet. Leider wollte man uns telefonisch nicht mitteilen wie die Operation verlief. Mein Vater würde noch schlafen. Am späten Nachmittag durften wir meinen Vater wieder besuchen. Nur leider war die Nachricht, die wir da bekommen haben alles andere als gut. Mein Vater lag wieder auf seinem Zimmer, nicht in der Intensivstation. Da lag er nun, ganz hilflos und völlig niedergeschlagen, angeschlossen an 3 Tropfe. Mein Vater wollte direkt nach der OP vom Oberarzt erfahren, was nun gemacht worden sei. Somit hat man ihm die Hiobsbotschaft auch schon mitgeteilt. Als wir dann noch mit voller Hoffnung in sein Zimmer kamen, konnten wir dies schon von seinem Gesicht ablesen. Der Tumor konnte nicht entfernt werden! Mein Vater war am Boden, man spürte keinen Lebensmut mehr bei ihm. Er hat zu mir geredet als hätte sein letztes Stündlein geschlagen. Zusammen saßen wir nun bei meinem Vater, jeder eine Hand fest umklammernd. Weder meine Mutter noch ich konnten ihm zu diesem Zeitpunkt wieder Mut zusprechen, wir hatten beide einen Kloß im Hals.

Später konnte ich mit der Stationsärztin reden. Sie hat mir mitgeteilt, was sie vom Oberarzt erfahren hatte, der die OP geleitet hatte. Sie selber war nicht bei der OP anwesend und konnte mir deshalb nicht alle Details mitteilen. Der Tumor sei in diesem fortgeschrittenen Stadium nicht mehr operabel gewesen. Es seien zu viele andere Organe angegriffen gewesen, unter anderem auch die Hauptschlagader und die Leber. Aber näheres könnte ich Morgen bei einem Termin beim Oberarzt erfahren. Ich habe meinen Vater noch nie so niedergeschlagen erlebt, aber wen wundert’s. Wer kann von sich behaupten in so einem Moment mehr Lebenskraft zu präsentieren. Wir haben dann doch noch versucht beruhigend auf ihn einzureden. Nur wir haben ja selber nicht daran geglaubt, daß er sich dadurch beeinflussen lassen würde. Schließlich wollte er alleine sein und wir mußten wieder nach Hause fahren. Ich bin mir sicher mein Vater war die ganze Nacht hell wach und hat begonnen zu grübeln. Und schon wieder stellt sich die Frage. Warum mußte dieser Tumor ausgerechnet inoperabel sein ???

Der Geburtstag meiner Mutter ist an diesem Tag etwas untergegangen, nichts war’s mit dem guten Omen ;-(. Zuhause mußte ich die schlechte Nachricht an seine 4 Schwestern weiterleiten, die alle gespannt auf ein Ergebnis gewartet hatten.

30.04.1999
Der Zustand meines Vaters hat sich nicht geändert. Immer noch tiefste Betrübtheit. Wir fühlen uns so hilflos, würden gern etwas unternehmen, nur wie?

Termin beim Oberarzt: Der Oberarzt hat sich Zeit für meine Mutter und mich genommen und uns erläutert, wie es um meinen Vater steht. Nachdem die Bauchdecke meines Vater aufgeschnitten wurde und die die Bauchspeicheldrüse verdeckenden Organe herausgehoben wurden, konnte man den Tumor schon unschwer erkennen. Zu diesem Zeitpunkt war auch schon klar, daß eine operative Entfernung der Tumors nicht mehr möglich sei. Die CT Aufnahme habe nur den festeren Kern (ca.2cm Durchmesser) des Tumors abbilden können. Das nicht so dichte Gewebe um den Kern war bereits wesentlich größer. Laut Angaben des Oberarztes habe der Tumor einen Durchmesser von 10-15 cm. Gewebe in diesem Gebiet sei bereits vom Tumor durchsetzt. Befallen war neben der Bauchspeicheldrüse die Milz, ein Teil der Leber, die Blutversorgung der Leber ausgehend von der Hauptschlagader, die Hauptschlagader und mehrere Blutgefäße. Während der OP wurde dann eine Gewebeprobe entnommen um den Typ des Tumors zu klassifizieren. Und als ob dies noch nicht schlimm genug war, hat der Tumor noch folgende Eigenschaften: Bösartig, streuend, aggressiv und sehr wahrscheinlich resistent gegen eine Chemo-Behandlung.

Auf meine Frage hin, warum die OP denn dann solange gedauert hatte, kam dann folgende Erklärung. Der Tumor sitzt in der Nähe eines Nervenstrangs an der Wirbelsäule und werde bei seinem Wachstum an diesen Nervenstrang drücken. Dies werde bei meinem Vater in naher Zukunft zu sehr starken Rückenschmerzen führen. Man hat nun überlegt, meinem Vater einen Katheder in diese Region zu legen um dort die Nerven mit reinem Alkohol  zu betäuben, damit er zumindest von diesen Schmerzen befreit werden würde. Es wurde dann doch nicht durchgeführt, da der Eingriff ein zu starkes Risiko für meinen Vater bedeutet hätte.

Das weitere Vorgehen: Mein Vater solle sich erst einmal von der OP erholen und wieder zu Kräften kommen. Danach werde er eine kombinierte Chemo-/Bestrahlungstherapie erhalten. Die Erfolgsaussichten, daß die Chemo irgendwelche Erfolge bringt wäre allerdings sehr gering, da ja die Art des Krebses sehr resistent sei. In nur unter 10% aller Fälle könnten kleine Erfolge verzeichnet werden. Aber mein Vater solle den Eindruck bekommen, daß er nicht ganz abgeschrieben worden sei. Für die nahe Zukunft wurde vorhergesagt, daß mein Vater aufgrund der Lage des Tumors starke Rückenschmerzen bekommen wird. Und man solle schon einmal über eine Art von Schmerztherapie nachdenken. Über eine Restlebenszeit wollte sich der Oberarzt nicht äußern. Seiner Meinung nach wäre es nicht seriös über irgendwelche Restlebenszeiten zu spekulieren. Es gebe einige Statistiken über Restlebenszeiten für Bauchspeicheldrüsenkrebs-Patienten, ob man darauf setzt, sei jedem selbst überlassen. Weiterhin hat uns der Oberarzt angeboten mit den Unterlagen meines Vaters noch die Meinung anderer Ärzte einzuholen. Dieses Angebot haben wir selbstverständlich gerne angenommen.

Darauf haben wir den Oberarzt gebeten, meinem Vater ein wenig Mut zu machen, ihn aber nicht über diese deprimierenden Aussichten zu unterrichten, da sich mein Vater zur Zeit in einem äußerst labilen Zustand befindet. Er hat darauf meinem Vater erklärt, warum der Tumor nicht entfernt wurde, und daß es manchmal sinnvoller sei den Krebs mit einer Chemo zu bekämpfen. Eine Entfernung des Tumors hätte ein zu großes Risiko bedeutet. Es werde nun versucht, die Größe des Tumors zu reduzieren um ihn zu einem späteren Zeitpunkt doch noch operativ entfernen zu können.

Folgende Gründe für die Entstehung eines Bauchspeicheldrüsenkrebs wurden genannt:

  • Rauchen und Alkohol
  • Erblich bedingt
  • Multi-Faktorell

Mein Vater hat zwar geraucht, aber 10-15 Zigaretten am Tag kann man sicherlich nicht als viel bezeichnen. Eine Flasche Bier pro Monat ist sicherlich auch nicht erwähnenswert. Deshalb erscheint dieser Grund eher unwahrscheinlich. Erblich bedingt kann es bei meinem Vater eigentlich auch nicht sein, da er der erste Fall in unserer Familie mit Krebs ist, in unserer Familie stirbt man wohl eher an Kreislaufproblemen oder an Schlaganfall. Nummer Drei bedeutet, daß es sehr viele unterschiedliche Gründe für diese Krebserkrankung geben kann aber auf gut Deutsch heißt es: „Die Ärzte haben nicht die geringste Ahnung woran es liegen könnte!“

Nach der Operation – Warten auf die Chemotherapie

01.-13.05.1999
Mein Vater bleibt im Krankenhaus, um nach der OP wieder auf die Beine zu kommen. Dabei geht es ihm von Tag zu Tag besser. Seine 25cm lange Schnittwunde am Bauch verheilt ohne Probleme, er kommt wieder zu Kräften und darf nach Tagen wieder feste Nahrung zu sich nehmen. Nach einer Woche kann er wieder einige Schritte laufen. Er ist aber sehr schwach. Mittlerweile hat er ca. 11 kg seines ursprünglichen Gewichtes verloren.

Wir wollten uns mit diesen Aussichten für meinen Vater nicht abgeben, deshalb haben wir begonnen uns nach alternativen Meinungen und Behandlungsmethoden umzuschauen.
Dieses war eine sehr schwierige Zeit für meine Mutter. Ihr wurde einige Male von der Verwandtschaft ins Gewissen geredet. Da hieß es „Tue dies, tue das! Wenn ihr das nicht versucht, werdet ihr das ein Leben lang bereuen!“ „Wir haben auch noch ein Wörtchen mitzureden!“… Die denken wir würden meinem Vater irgend etwas vorenthalten wollen. Die haben irgendwo mal etwas aufgeschnappt und meinten dann über alles Bescheid zu wissen. Wir waren es mittlerweile leid jede unserer Entscheidungen rechtfertigen zu müssen. Da heißt es: In Hamburg gibt es jemanden, der den Tumor noch weg operieren kann, in Freiburg wäre die beste Krebsklinik und am Arsch der Welt jemanden der durch Hand auflegen den Krebs heilen kann. Man kann sich nicht vorstellen, wie so etwas an die Substanz geht. Meine Mutter war kurz vor dem Nervenzusammenbruch, mittlerweile bekam  sie Psycho-Pharmaka damit sie wenigsten nachts zur Ruhe kommt. Nach außen macht sie zwar einen starken Eindruck, aber ich höre sehr oft wie sie nachts weint. Dazu kommt eine riesige Angst vor der Verwandtschaft.

Sicherlich war all das auch ein verzweifelter Versuch uns zu helfen, deshalb sollte man dies auch nicht allzu ernst nehmen. Nach einem klärenden Gespräch haben sich die Wogen dann letztendlich auch geglättet. An dieser Stelle möchte ich insbesondere meinem Onkel H. Lufen für seine tatkräftige Unterstützung danken.
Bei unseren Nachforschungen haben wir verstärkt nach Informationen zu Bauchspeicheldrüsenkrebs gesucht und bei anderen Kliniken deren Meinung zu der deprimierenden Diagnose eingeholt. Dabei wurde unter anderem in den Kliniken von Neuss, Aachen und Freiburg nachgefragt. Freiburg gilt ja in Deutschland als führend im Bereich Onkologie. Ich bin natürlich auch den Vorschlägen meiner Verwandtschaft nachgegangen und urplötzlich stellte sich heraus, dieser gewisse Hamburger kann in diesem Stadium des Krebses doch nicht mehr operieren. Freiburg hätte zwar eine Vorreiter Rolle in Sachen Krebs-Forschung aber die heilversprechende Therapie haben die auch nicht, neueste Erkenntnisse werden zwischen den Kliniken sowieso verbreitet und mein Vater sei im Krefelder- Klinikum schon recht gut aufgehoben. Das aller Sinnvollste wäre sowieso meinen Vater in gewohnter Umgebung zu belassen und ihm die verbleibende Zeit so angenehm wie möglich zu machen, denn nichts hilft besser als eine beruhigte Psyche. So wie ich meinen Vater kenne, wäre er allein an der Tatsache zugrunde gegangen, für längere Zeit in eine andere Stadt zu kommen. Und überall war halt die Meinung der Ärzte ähnlich. Bei der Art des Tumors, sollten wir uns bei der Chemotherapie keine allzu großen Hoffnungen machen. Da der Tumor mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit resistent gegen jegliche Art der Behandlung ist. Mein Vater weiß von dieser Aussage der Ärzte zum Glück nichts, allerdings ahnt er wohl so etwas. Eine genaue Prognose, wie lange mein Vater noch zu leben hat, wollte keiner abgeben. Man hat immer nur auf Statistiken verwiesen, wobei die durchschnittliche Überlebensdauer bei Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs bei ca. 3-6 Monaten liegt. Es gibt Fälle, die noch über ein Jahr damit leben konnten andere wiederum nur noch wenigen Wochen. Das sind natürlich keine tollen Aussichten.

Bei der Informationssammlung hat das Medium Internet sehr geholfen. Hier erhält man zahlreiches Material zum Thema Krebs. Unter anderem muß man hier unbedingt das (Medizin-Forum) unter der Rubrik Krebs erwähnen. Hier erhält man Informationen und Tips von Betroffenen.

14.05.1999
Mein Vater wird aus dem Krankenhaus entlassen. Er ist zwar noch stark geschwächt, kann aber wieder kürzere Entfernungen gehen. Die große Wunde und die Magengegend schmerzen noch, außerdem plagen ihn starke Blähungen. Der Termin für die Chemotherapie ist auf den 31.05.1999 festgelegt worden. Bis dahin soll mein Vater sich erst einmal von der Operation erholen, wieder an Gewicht zulegen und neue Kräfte sammeln.

Zu Hause angekommen, gibt es erst einmal das große Wiedersehen mit unserem Hund Stupsi. Mein Vater und Stupsi sind wohl die besten Freunde. Während der Zeit, in der mein Vater im Krankenhaus war, hat unser Hund ständig im Haus nach meinem Vater gesucht. Auch er hat wohl gespürt, daß da irgend etwas nicht stimmte. Die erste Frage meines Vaters als wir ihn im Krankenhaus besuchten galt immer dem Wohlbefinden unseres Hundes. Stupsi ist sicherlich auch ein starker Grund dafür gewesen, warum mein Vater sich dagegen gewehrt hat, weit weg von zu hause behandelt zu werden. Er würde eine all zu lange Trennung von Stupsi nicht haben wollen. Es war schon erstaunlich zu beobachten wie Stupsi ein ums andere Mal gespürt hat, daß es meinem Vater sehr schlecht ging. Immer, wenn mein Vater in der Folgezeit, starke Schmerzen hatte und er sich vor Erschöpfung hinlegen mußte, hat es nicht lange gedauert bis Stupsi dies bemerkt hat. Er drückt sich in diesen Momenten an meinem Vater und legt sich zu ihm. Er ist derjenige, der meinem Vater oft wieder zu einem Lächeln oder gar zu einem herzhaften Lachen verhilft. Falls eine gute Gemütsverfassung oder Psyche wirklich zu einer besseren Genesung führt, dann hat die Nähe zu unserem Hund für meinen Vater sicherlich einen unschätzbaren Wert.

15.-18.05.1999
Meinem Vater geht es nicht besonders gut. Er bekommt von Tag zu Tag stärkere Schmerzen, hauptsächlich Rückenschmerzen, genauso wie es uns der Oberarzt schon prophezeit hatte. Der Tumor drückt gegen diesen dort befindlichen Nervenstrang, was dann sicherlich auch zu immer stärker werdenden Schmerzen führt. Mein Vater kann während der ganzen Nächte nur wenige Stunden schlafen, verliert dadurch auch immer mehr an Kraft. Wir versuchen immer wieder auf ihn einzureden, daß er doch Schmerztabletten nimmt, damit er diese Schmerzen ertragen kann oder zumindest in der Nacht zu Ruhe kommt und wieder neue Kräfte tanken kann. Aber er stellt auf stur und weigert sich mit Schmerztabletten anzufangen, weil er befürchtet nach gewisser Zeit immer stärkere Schmerzmittel zu sich nehmen zu müssen bis hin zum Morphium. Das bereitet ihm ungeheure Angst.
Mein Vater geht ab und zu kurz in den Garten, muß sich danach allerdings vor Erschöpfung wieder hinlegen.

19.05.1999
Mein Vater muß zu einer Voruntersuchung für die bevorstehende kombinierte Chemo- / Bestrahlungstherapie. Hierbei soll die Funktionsfähigkeit beider Nieren überprüft werden. Sinn ist es, die stärkere Niere zu bestimmen, um diese bei der bevorstehenden Bestrahlung auch zu schonen. Die Eintrittswinkel werden dann eher auf die schwächere Niere ausgerichtet. Ergebnis: beide Nieren scheinen gleich gut zu arbeiten.

20.05.1999
Termin in der Bestrahlungsklinik. Hier werden durch Probebestrahlungen Meßwerte gesammelt, um die optimalen Eintrittswinkel zu berechnen. Mein Vater hat wegen seiner Schmerzen große Probleme 20 Minuten lang in einer festen Position zu liegen.

22.-24.05.1999
Mein Vater baut tagtäglich ab. Er ist sehr blaß im Gesicht. Die Rückenschmerzen sind in den letzten Tagen so stark geworden, daß mein Vater die ganze Nacht nicht einschlafen konnte. Wir konnten ihn dann doch dazu überreden, leichte Schmerztabletten zu nehmen. Nun kann er wenigsten ein paar Stunden in der Nacht schlafen. Seine Stimmung ist sehr schlecht. Er macht ständig Bemerkungen über sein baldiges Ableben ;-(. Sein großer Wunsch ist es noch ein Testament zu haben, um seine Frau abgesichert zu wissen. Sicherlich ist es eine gute Idee, nur zu diesem Zeitpunkt auch ein großer Ausdruck von Depression. Wir erstellen ein Testament und mein Vater ist sehr beruhigt.
Man kann bestimmt nicht behaupten, daß mein Vater in dieser Zeit einen schlechten Appetit hatte, somit hat er auch wieder etwas zugenommen. Es gab allerdings einige Nahrungsmittel, die er nicht so gut vertragen hatte. Dies äußerte sich dadurch, daß er stärkere Blähungen bekommen hatte und dadurch sein Bauch wieder stärker schmerzte. Die Schnittwunde an seiner Bauchdecke verheilt ohne große Probleme.

27.05.1999
Erneuter Termin bei der Strahlungsklinik. Heute werden die Eintrittspunkte für die bevorstehende Bestrahlung auf den Bauch und den Rücken meines Vaters eingezeichnet. Mein Vater erhält einen Diätplan, an den er sich während des Chemo- / Bestrahlungsblockes halten soll. Das schmeckt ihm überhaupt nicht, da er völlig auf frisches Obst verzichten muß. Meinem Vater geht es etwas besser. Er meint, daß der Schmerz nicht mehr so durchdringend sei.

28.-30.05.1999
Mein Vater schläft zwar nicht die ganze Nacht durch, aber zumindest kann er mehrere Stunden in der Nacht schlafen. Er hat in den letzten Tagen einen sehr starken Appetit entwickelt und hat sogar 5 der verlorenen 11 kg wieder zugenommen. Außerdem ist seine Gemütsverfassung doch stark aus der Depression angehoben worden. Er konnte wieder ab und zu lachen und konnte sich wieder über vereinzelten Besuch freuen. Von der OP war er immer noch stark geschwächt, so daß er sehr viel gelegen hat. An Spazieren gehen oder Fahrradfahren war nicht zu denken. Aber es war eine Wohltat ihn wieder gut gelaunt zu erleben ;-).

31.05.1999
Die kombinierte Chemo- / Bestrahlungstherapie beginnt. Ablauf: 6 Wochen lang jeden Werktag eine 20 Minuten lange Punktbestrahlung aus verschiedenen vorher berechneten Winkeln.

  • 1.Woche: Stationär im Krankenhaus bei Dauerinfusion.
  • 2.-4. Woche: Ambulante Behandlung im Krankenhaus für die tägliche Bestrahlungsdosis.
  • 5.Woche: Wieder stationär im Krankenhaus bei Dauerinfusion.
  • 6.Woche: Ambulante Behandlung im Krankenhaus für die verbleibenden Bestrahlungen.

Chemotherapie – Bestrahlungstherapie

01.-04.06.1999
Mein Vater verträgt die Dauerinfusion recht gut und hat bisher keinerlei Beschwerden. Meine Mutter und ich sprechen mit der Stationsärztin über die Chance der Chemotherapie bei meinem Vater. Auch sie kann uns keine Hoffnungen machen. Sie macht leider die gleiche Aussage wie der Oberarzt aus der Chirurgie. Die Aussichten, daß die Chemo greift, sind denkbar schlecht, das heißt das Wachstum des Tumor kann wohl nicht gestoppt werden, geschweige denn der Tumor verkleinert werden. Die Bestrahlung werde die Schmerzen meines Vaters eventuell ein wenig lindern. Es war erschreckend zu sehen, welche Gestalten in dieser Abteilung für Krebspatienten herumliefen. Der größte Teil der Krebspatienten war abgemagert und blaß. In dieser Woche mußte bei 4 Patienten die Chemotherapie abgebrochen werden, weil deren Körper die Chemo nicht vertragen hatte, ständige Übelkeit, Appetitlosigkeit und Erbrechen waren die Folge. Eine junge Frau hatte innerhalb von 2 Tagen 5 kg abgenommen und wurde dann als „austherapiert“ entlassen.
Am letzten Tag der ersten stationären Woche hat sich mein Vater dann einmal übergeben müssen, weil ihm ein wenig schwindelig war. Danach hatte er aber wieder Appetit etwas zu essen.

05.-06.06.1999
Mein Vater darf wieder nach Hause zu Stupsi. Meinem Vater geht es sichtbar besser. Er hat Farbe im Gesicht bekommen und macht auch einen stärkeren Eindruck. Früh morgens, wenn es noch nicht so warm ist, geht er mit Stupsi ein kleine Runde Gassi. Das gibt ihm sehr viel an Selbstwertgefühl wieder. Danach braucht er aber wieder etwas Ruhe auf dem Sofa.

07.-27.06.1999
Während der ambulanten Strahlenbehandlung muß mein Vater an jedem Werktag ins Krankenhaus um dort seine Bestrahlungsdosis zu erhalten. Seine Schmerzen reduzieren sich auf ein Minimalmaß, so daß er keine Schmerzmittel mehr benötigt. Er wird immer kräftiger und freut sich auf jede kleine Runde, die er mit unserem Hund machen kann. Während dieser Bestrahlungszeit mußte sich mein Vater kein einziges mal übergeben und es war ihm auch kein Mal übel, ganz im Gegenteil zu den anderen Bestrahlungspatienten, die mein Vater kennengelernt hatte. Er hat weiter an Gewicht zugewonnen. Seine Stimmung ist weiterhin sehr gut. Es stört ihn nur, daß er kein Frischobst essen darf. Die Fruchtsäure würde sich negativ auf den durch die Bestrahlung gereizten Magen auswirken.

28.06.-02.07.1999
Mein Vater muß wieder zur stationären Dauerinfusion ins Krankenhaus. Auch diese Woche verträgt mein Vater hervorragend. Nur wieder am letzten Tag muß sich mein Vater wegen Übelkeit einmal übergeben. Er langweilt sich im Krankenhaus und sehnt sich wieder danach mit Stupsi loszuziehen ;-). Die Ärzte sind erfreut über die gute Verfassung meines Vaters. Irgendwie schien es, daß sie auch ein wenig überrascht waren.

Ende der Bestrahlungstherapie – CT-Aufnahme

03.-08.07.1999
Die letzte ambulante Bestrahlungswoche verläuft nicht so reibungslos wie die davor gehenden. An den letzten vier Tagen mußte mein Vater sich jeden Tag übergeben. Vielleicht war mein Vater ein wenig zu übermütig, er hat nämlich doch versucht einen frischen Apfel zu essen oder die Menge der Bestrahlungen haben dann letztendlich doch ihre Wirkung gezeigt. Auf jeden Fall war er sehr froh die Bestrahlungen heil überstanden zu haben. Er erhält einen Termin für eine erneute CT- Aufnahme am 29.07.1999

09.-28.07.1999
Meinem Vater geht es wieder besser. Die Übelkeit ist wieder verflogen und er nimmt weiter zu. Man sieht meinem Vater eigentlich nicht an, daß er an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet. Die Rückenschmerzen sind nicht mehr vorhanden. Das einzige, das ihn noch plagt ist sein ständiger Blähbauch, aber das liegt wohl an der mangelnden Funktionsfähigkeit der Bauchspeicheldrüse wie man uns zu erklären versucht hat. Er ist stundenlang mit Stupsi draußen oder unternimmt auch längere Fahrradtouren. Leichte körperliche Arbeit im Garten scheint ebenfalls kein Problem für ihn zu sein.

29.07.1999
Es wird eine erneute CT-Aufnahme gemacht, um zu überprüfen ob sich irgend ein Erfolg durch die Therapie eingestellt hat. Die Enttäuschung war sehr groß als keine Veränderung in der Größe des Tumors festgestellt werden konnte. Aufgrund der sehr guten Verfassung meines Vaters hatte er und wir insgeheim gehofft, daß der Tumor doch ein wenig kleiner geworden wäre. Aber leider nicht ;-(. Dieses Ergebnis hat erst einmal sehr auf die gute Stimmung meines Vaters gedrückt. Wir konnten dem Ganzen dann doch etwas Positives abgewinnen. Immerhin ist der Tumor nicht gewachsen, was ja eigentlich nicht zu erwarten war.
Für eine weitere Behandlung wird mein Vater zu einem Krefelder  Onkologen überwiesen.

Kontrolle der Tumormarker August

11.08.1999
Termin beim Onkologen: Der Onkologe ist erstaunt über die gute Verfassung meines Vaters und sieht zur Zeit keine Veranlassung für eine weitere Therapie. Durch diese erheblich verbesserte Situation sieht er ein abwartendes Verhalten als gerechtfertigt. Zur weiteren Beurteilung wird eine Blutuntersuchung durchgeführt. Eine Ultraschalluntersuchung bringt aufgrund des Blähbauches und der dadurch vorhandenen Luft im Bauchraum kein Ergebnis.

16.08.1999
Die Blutergebnisse sind vielversprechend. Die Tumormarker sind in den Normalbereich zurückgegangen (CA19-9 = 35.4 U/ml, Norm bis 37 ). Der Onkologe schlägt vor, zunächst monatliche Kontrollen durchzuführen. Erst bei Veränderung im Allgemeinbefinden (Gewicht, Schmerzen) oder bei Laborveränderungen werde eine Chemotherapie mit Gemcitabin begonnen. Der nächste Termin für eine Kontrolle der Tumormarker wird auf den 15.09.1999 festgesetzt.
Mein Vater ist zufrieden mit der Tatsache, erst einmal eine Therapiepause zu haben. Im großen und ganzen wäre er sowieso froh wenn dieser Zustand, in dem er sich zur Zeit befindet, auf Dauer so gehalten werden könnte. Nur wer weiß, wie schnell sich dies auch wieder ändern kann.

Inzwischen hat mein Vater sein altes Gewicht wieder erreicht, er neigt sogar dazu weiter zuzunehmen. Durch das Aufhören des Rauchens verspürt er stets den Drang etwas Eßbares im Mund zu haben. Eigentlich hatte man meinem Vater geraten eine gewisse Diät zu halten und auf gewisse Lebensmittel zu verzichten, da er diese Lebensmittel wahrscheinlich nicht so gut vertragen würde. Es wurde ihm aber noch zusätzlich gesagt, daß er selber an sich feststellen solle, welche Lebensmittel ihm bekommen und welche nicht. Nach dieser Richtlinie lebt mein Vater nun auch. Er verträgt eigentlich fast alle Lebensmittel (frisches Obst, Kaffee und Kuchen, gebratenes Fleich, Salate und Eis). Weniger verträglich sind für ihn Lebensmittel, die zu starken Blähungen bei ihm führen (Kohl jeder Art und Zwiebeln).

Kontrolle der Tumormarker September

15.09.1999
Mittwoch Termin beim Onkologen zur erneuten Kontrolle der Tumormarker. Das Allgemeinbefinden meines Vaters ist weiterhin gut.

20.09.1999
Meine Eltern holen sich die Blutergebnisse beim Onkologen ab. Die Tumormarker sind wieder angestiegen (CA19-9 = 44.2 U/ml, Norm bis 37). Die Enttäuschung bei meinem Vater ist sehr groß. Ist es ein Anzeichen dafür, daß der Krebs wieder aktiv wird ? Wir hoffen es nicht. Der Hang zur Depression bei meinem Vater dauert einige Tage an. Der Onkologe sieht aber noch keine Veranlassung um eine Therapie zu beginnen. Statt dessen erhält mein Vater einem Termin am 19.10.1999 für eine erneute Kontrolle der Tumormarker.

Kontrolle der Tumormarker Oktober – CT-Aufnahme

01.-03.10.1999
Mein Vater fühlt sich schlechter. Er hat Schmerzen in der Nierengegend, behauptet aber dies würde auf die kälter werdenden Tage zurückzuführen sein. In der Nacht soll er auch nicht mehr so ruhig schlafen, wie in der ganzen Zeit zuvor. Wir bitten ihn, einen Termin beim Onkologen zu machen. Er weigert sich aber und will lieber bis zur Kontrolle am 19.10.1999 warten.

04.-07.10.1999
Die Schmerzen in der Nierengegend scheinen wieder geringer zu werden.  Stupsi ist schwer krank und hustest unentwegt (Kehlkopfentzündung). Nach einer Antibiotika-Spritze ist er aber wieder auf dem besten Weg der Genesung. Mit dem Wohlbefinden von Stupsi steigt auch wieder das Wohlbefinden meines Vaters ;-). Wir warten alle gespannt auf die nächste Kontrolle am 19.10.1999. Um es einmal zu erwähnen: Es sind jetzt fast 6 Monate her, seit der Tumor bei meinem Vater entdeckt wurde. Wenn man an die Statistik und an die Aussichten der Ärzte denkt, dann geht es meinem Vater wider Erwarten doch zum Glück sehr gut ;-).

08.-16.10.1999
Die Verfassung meines Vaters schwankt sehr von Tag zu Tag. An einigen Tagen geht es ihm verhältnismäßig gut, an anderen wieder sehr schlecht. Die Schmerzen werden wieder stärker, besonders abends. Er nimmt nachts wieder Schmerzmittel um einschlafen zu können.

17.-18.10.1999
Am Sonntag war der 57. Geburtstag meines Vaters. Morgens fühlte sich mein Vater nicht so gut, nachmittags ging es ihm dann zum Glück wieder wesentlich besser. Alle Gäste haben meinem Vater natürlich ein gute Genesung gewünscht. Das ist sicherlich das Kostbarste was man sich wünschen kann. Hoffentlich geht es ihm bald wieder etwas besser. In den letzten Tagen bekommt mein Vater vermehrt Durchfall nach dem Essen. Auch der Blähbauch schmerzt mehr.

19.10.1999
Termin beim Onkologen zur Kontrolluntersuchung. Eine Blutprobe wird entnommen. Mein Vater schildert dem Doktor seine Beschwerden. Die Schmerzen in der Nierengegend und dem Rücken führt der Doktor auf den Tumor zurück. Der sich häufende Durchfall kann seiner Bauchspeicheldrüse zurückgeführt werden. Mein Vater erhält einen Termin für eine erneute CT-Aufnahme am 26.10.99. Am 29.10.99 solle mein Vater dann nocheinmal wiederkommen. Dann könne der Doktor anhand der neuen Tumormarker und der Ergebnisse der CT-Aufnahme ein weiteres Vorgehen mit meinem Vater besprechen. Es wird dann sehr wahrscheinlich eine Chemotherapie mit Gemcitabin begonnen. Für seine Schmerzen erhält mein Vater ein neues Schmerzmittel.

20.-25.10.1999
Mein Vater baut stark ab. Man merkt ihm an, daß er sehr starke Schmerzen hat. In meiner Gegenwart versucht er zwar keine Schwäche zu zeigen. Man sieht ihm allerdings seine schlechter werdende Verfassung an. Er möchte wahrscheinlich, daß wir uns nicht so große Sorgen um ihn machen. Aber da hat er leider keine Chance: Wir machen uns riesige Sorgen :-(. Wir haben Angst um meinen Vater. Meiner Mutter stehen die Tränen in den Augen, sie merkt am besten wie es meinem Vater geht. Vor ihr kann er nicht so viel verbergen. Die Stimme meines Vaters ist der beste Indikator für seine Verfassung. In den letzten Tagen ist sie sehr leise, schwach und voll von Resignation.
Durch diese Schmerzen ist mein Vater sehr schwach geworden, lange Spaziergänge mit unserem Hund Stupsi sind nicht mehr ohne weiteres möglich. Danach muß mein Vater sich erst einmal hinlegen. Auch sonst liegt mein Vater sehr viel. Er sieht blasser aus mit ausgeprägten Rändern unter den Augen. Sein Appetit ist auch nicht mehr so groß, er ißt zwar immer noch reichlich, aber nicht mehr mit so einem Eifer wie noch vor einem Monat. Mein Vater hat ca 5kg an Gewicht verloren. Er wiegt jetzt 70kg.

Der Verfassung meines Vaters nach, werden die kommenden Ergebnisse bestimmt nichts Gutes verheissen. Wir haben meinem Vater schon etwas darauf vorbereitet, daß er wohl mit schlechteren Ergebnissen rechnen muß. Trotzdem sind wir uns sicher, daß die Enttäuschung bei meinem Vater sehr groß sein wird. Meiner Mutter hat man bereits telefonisch die neuen Tumormarker mitgeteilt; mein Vater kennt sie bisher noch nicht. Der neue CA 19-9 Wert soll demnach bei ca. 90 U/ml liegen. Damit ist er schon stark erhöht und auch höher als der erste Meßwert aus dem April. Morgen werden wir hoffentlich anhand der CT-Aufnahmen kein allzu großes Wachstum des Tumors feststellen müssen. Wir drücken meinem Vater ganz fest die Daumen, aber viel Glück hat uns das in der Vergangenheit leider auch nicht gebracht.

Es wird höchste Zeit, daß mein Vater mit der neuen Chemo-Therapie beginnt. Meine Mutter und ich haben auf meinen Vater eingeredet, daß er einen früheren Termin beim Onkologen machen soll. Aber er will leider nicht und möchte lieber bis zu seinem Termin am Freitag warten. Hoffentlich bringt die Chemo wieder eine Besserung.
Das neue Schmerzmittel ist zwar besser als das vorherige aber anscheinend noch nicht stark genug. Banges Warten auf die nächsten Tage…

26.10.1999
Endlich mal wieder eine positive Nachricht. Auf der CT-Aufnahme konnte kein Wachstum des Tumors festgestellt werden. Der Vergleich mit den Aufnahmen aus dem Juli ergab keine Veränderung in der Größe. Der zuständige Arzt, konnte sogar einen winzigen Kanal in der Bauchspeicheldrüse „erahnen“. Seine Spekulation war : „Man könne nicht ausschliessen, daß ein Teil des Tumors eventuell abgestorben oder ausgetrocknet sei.“ Dies wiederspricht allerdings dem Allgemeinbefinden meines Vaters. Die starken Schmerzen meines Vaters konnte der Arzt sich aber nicht erklären. Er meinte „Es könnten eventuell Spätauswirkungen der ersten Chemo-/Bestrahlungstherapie sein.“ Diese Aussage scheint aber unserer Meinung nicht ganz zuzutreffen, da es meinem Vater ja so „lange“ Zeit sehr gut ging. Es ist halt die Frage wie aussagekräftig eine CT-Aufnahme ist. Da bleiben wieder die Fragen offen: Wie groß ist der Tumor wirklich und nicht nur der festere Kern des Tumors? Sind die schlechteren Tumormarker vielleicht aussagekräftiger?

Aber sehen wir das ganze mal positiv ;-). Der Tumor ist Gott sei Dank nicht gewachsen. Mein Vater, meine Mutter und ich hatten alle fest damit gerechnet negativere CT-Ergebnisse zu erhalten. Um so größer war dann die Erleichterung bei meinem Vater. Auch die zwei Worte „abgestorben“ und „ausgetrocknet“ haben meinen Vater ein Lächeln in sein Gesicht gebrannt. Dieses Ergebnis hat ihm wieder mehr Hoffnung gemacht und ohne Zweifel ist seine Stimmung wesentlich besser geworden. Seine Stimme hat wieder zur gewohnten Stärke zurückgefunden, was für mich ein Indiz ist, daß es ihm wirklich besser geht.
Die Schmerzen waren heute und auch am Tag zuvor wieder erträglicher. Wir sind gespannt darauf wie der Onkologe beim Termin am Freitag die Ergebnisse bewertet…

29.10.1999
Termin beim Onkologen. Die Ergebnisse der CT-Aufnahme und die Blutergebnisse werden ausgewertet. Wie schon erwartet lagen die CA 19-9 Tumormarker deutlich über den Richtwerten bei 85.8 U/ml. Aber das war ja noch nicht einmal die schlechteste Nachricht. Die anderen Blutwerte sind in utopisch hohe Werte gestiegen:

Gamma-GT729 ( 0- 18 U/l )
Alk. Phosphatase821 (50-170 U/l )
GOT89 ( 0- 15 U/l )
Glucose/Serum176 (60-110 mg/dl)

Anhang dieser Werte und der CT-Aufnahme vermutet der Onkologe eine Stauung am Gallen-Ausgang. Dies würde auch die starken Schmerzen bei meinem Vater erklären. Die Schmerzen in den letzten Tagen sind übrigens wieder stärker geworden. Eine Chemo-Therapie scheint unter diesen Umständen zur Zeit nicht durchführbar zu sein. Erst einmal müsse man die Stauung in den Griff bekommen. Dazu ist erst einmal zu untersuchen, was diese Stauung verursacht. Mögliche Ursachen seien seiner Aussage nach ein Gallenstein, eine Ablagerung oder ein Ausläufer des Krebstumors.
Zur letzteren Möglichkeit wollte er sich nicht so recht äußern. Seiner Aussage nach sei der Abstand zwischen dem Tumorkern und der Stauung relativ groß und damit wahrscheinlich nicht auf einen Tumorausläufer zurückzuführen. Aber irgendwie kam seine Aussage nicht so glaubwürdig bei meinen Eltern an. Wahrscheinlich hatte er selbst nicht daran geglaubt. Man solle zwar optimistisch denken, aber wenn man mal realistisch darüber nachdenkt, kommt man auch selber auf den Schluß, daß die Wahrscheinlichkeit für die letztere Möglichkeit leider doch sehr hoch ist. Und auch meinen Vater plagt dieser Gedanke.

Das Problem bei dieser Stauung ist zudem, daß mein Vater bei Nicht-Behandlung weitere Schmerzen bekommen wird und die Gefahr der Gelbsucht rapide ansteigt, da der Rückstau zu weiterem Funktionsausfall anderer Organe (Leber) führen wird. Zur Klärung dieser Stauung hat mein Vater nun einen Termin bei einem Spezialisten am 03.11.99 bekommen. Einen früheren Termin konnte er leider nicht erhalten ;-(. Dort soll dann eine weitere Vorgehensweise mit meinem Vater besprochen werden. Wahrscheinlich wird dieser Bereich bei eine Narkose durch eine Minikamera untersucht. Dies kann dann nur stationär im Krankenhaus durchgeführt werden. Näheres erfahren wir dann nächsten Mittwoch.

Für uns stellt sich die bange Frage, ob die Stauung wieder in den Griff bekommen werden kann. Was passiert wenn diese Stauung auf den Krebstumor zurückzuführen ist? Kann dann überhaupt noch operiert werden? Und wieder dieses ungewisse Warten…
In meiner Gegenwart spielt mein Vater mir offensichtlich etwas vor. Zu mir ist er sehr zuversichtlich und sagt, daß die Schmerzen sich in Grenzen halten. Aber von meiner Mutter weiß ich, daß das nur gespielt ist. In Wirklichkeit krümmt er sich vor Schmerz und grübbelt sehr viel nach. Ich glaube die Tatsache, daß wir uns Sorgen um ihn machen bereitet ihm viel mehr Kummer als sein starker Schmerz.

31.10.1999
In den letzen Tagen sind die Schmerzen noch stärker geworden und die Schmerzmittel zeigen keinerlei Wirkung mehr. Mein Vater kann nachts nicht mehr schlafen, wälzt sich von einer Stelle auf die andere. Sein Appetit ist sehr stark zurückgegangen und auch sonst fühlt er sich sehr schwach. Er ist sehr blass geworden neigt schon etwas dazu eine gelblich Farbe zu bekommen. Er hat 39.4° Fieber.
Aufgrund dessen fahren meine Eltern zur Notaufnahme des Tönisvorster Krankenhauses. Die behandelnde Ärztin nimmt sich sehr viel Zeit für meinem Vater und macht mehrere Untersuchungen. EKG-Test, Röntgen-Untersuchung und eine Blutuntersuchung im Hinblick auf die sich anbahnende Gelbsucht.
Die Blutergebnisse sind innerhalb einer halben Stunde vom Labor zurück gekommen. Die Ergebnisse bestätigen die Tendenz, allerdings seien die Werte noch nicht im kritischen Bereich. Es ging daraus hervor, daß bereits die Leber angegriffen war. Und noch eine weitere schlechte Nachricht: Anhand der Blutergebnisse geht eindeutig hervor, daß mein Vater in den letzten Wochen einen „stillen“ Herzinfakt in der hinteren Herzwand hatte. Aber dies sei für den Moment in der Priorität nicht mehr von Interesse. Mein Vater erinnert sich, daß er aufgrund des Blähbauchs Schmerzen bis zum Herzen gespürt hatte. Möglicherweise war dies der Zeitpunkt des Herzinfakts.
Die Ärztin ist sehr offen zu meinem Vater. Anhand der Röntgenaufnahme geht sie nicht davon aus, daß die Stauung am Gallenausgang auf einen Gallenstein zurückzuführen ist. Sie geht eher davon aus, daß es sich hierbei um Auswirkungen des Krebstumors handelt. Aber Näheres kann auch sie nicht sagen, dazu müßte erst die Untersuchung mit dem Endoskop durchgeführt werden.
Die Ärztin hat meinem Vater erklärt, daß diese Art von Schmerz durch die Stauung und der damit verbundenen Entzündung betroffener Organe leider nicht mit Schmerzmitteln gelindert werden könne. Der Einsatz von Morphium würde auch nicht viel Erfolg versprechen. Dies würde das Gewebe um den Tumor verengen, dieser würde dann den gestauten Ausgang weiter verschliessen und somit noch stärkere Schmerzen verursachen. Letztendlich hat mein Vater Zäpfchen erhalten, die vielleicht für eine Linderung sorgen könnten.
Es wurde meinem Vater das Angebot gemacht, zur Beobachtung im Krankenhaus zu bleiben, aber das hat mein Vater dankend abgelehnt.

Dezember 1999

01.12.1999
Der Onkologen teilt uns die Blutergebnisse telefonisch mit. Der größte Teil der Leberwerte ist nicht übermäßig erhöht, nur ein Wert ist stark überhöht. Dieser Wert soll auch ausschlaggebend für den starken Juckreiz sein. Zur weiteren Klärung soll mein Vater erst einmal einen Termin beim Gastroenterologen machen, der ihm bereits das Röhrchen (Stens) in den Gallengang gelegt hatte. Vorerst wird die Chemotherapie ausgesetzt :-(.
Appetit: morgens gut, mittags und abends sehr wenig gegessen und auch nur mit großer Überwindung.
Übelkeit: am Abend muß mein Vater sich wieder übergeben und hat auch wieder Durchfall

02.12.1999
Die Blutwerte:

Blutwert17.11.199926.11.1999(Norm)
Alk- Phosphatase7701110(50 - 170 U/l)
Gamma-GT366457(0 - 18 U/l)
Glucose/Serum271275(60 - 110 mg/dl)
GOT4385(0 - 15 U/l)

CA19-9 Tumormarker : 296 U/ml (18.11.1999)
Mein Vater erhält direkt für morgen um 8:30 Uhr einen Termin im Krankenhaus beim Gastroenterologen zur Kontrolle des Stens. Für diese Untersuchung muß; mein Vater morgen völlig nüchtern sein (auch keine Tabletten!).

03.12.1999
Untersuchung im Krankenhaus: Um 8:55 Uhr wird mein Vater zur Untersuchung herein gerufen. Der Doktor erklärt mir vor der Untersuchung, was passiert ist und was nun unternommen wird. Währenddessen bekommt mein Vater eine Vollnarkose. Das Röhrchen (Stens) sei verstopft und müsse nun durch ein neues ersetzt werden.
Diese Untersuchung hat dann über eine Stunde gedauert. Nach eine halben Stunde kam alle 5 Minuten eine Schwester aus dem Untersuchungsraum heraus und rannte sehr hektisch um weitere Instrumente zu holen. Dies allein hat mich schon sehr beunruhigt. Um 10:00 hat mich dann der Arzt gebeten noch einmal zu ihm zu kommen. Er hat mir dann erklärt, was gemacht wurde. Er meinte : „Bei Ihrem Vater gestaltet sich die Behandlung etwas schwierig, aber noch nichts Beunruhigendes.“

Als ersten Schritt hat er meinem Vater das verstopfte Röhrchen herausgezogen. Dabei hat der Gallengang angefangen ein wenig zu bluten. Zu dem ist der Gallengang noch ein wenig entzündet und ist danach etwas angeschwollen. Das Hineinsetzen eines neuen Röhrchens stellte sich etwas schwieriger dar, da zum einem der Arzt durch die Blutung im Gallengang nicht mehr viel sehen konnte, zum anderen konnte der Arzt durch die Schwellung das Endoskop nicht mehr so gut bewegen. Er wolle es am Montag Morgen um 8:00 Uhr erneut versuchen, dann sollte die Blutung und die Schwellung wieder zurückgegangen sein. Sollte dieser Eingriff nicht gelingen, muß wahrscheinlich operativ eine Umleitung des Gallenganges um die Bauchspeicheldrüse eingesetzt werden.

Am Röntgenbild hat der Arzt mir dann noch den gewachsenen Krebstumor gezeigt. Leider ist der Tumor seit der letzten Aufnahme vor weniger als einem Monat wieder gewachsen. Der Tumor breitet sich nun in den vorderen Bauchraum aus und hat nun den Zwölffingerdarm erreicht. Zur Überwachung muß mein Vater leider über das Wochenende im Krankenhaus bleiben. Mein Vater ist traurig, daß er an Stupsis zweitem Geburtstag nicht zu hause sein kann.

04.12.1999
Der Stationsarzt gibt meinem Vater Hoffnung eventuell morgen nachmittag für ein paar Stunden nach Hause zu dürfen. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß seine Blutwerte stabil bleiben. Darüber freut mein Vater sich riesig, kann es kaum erwarten Stupsi wiederzusehen. Im Krankenhaus erhält mein Vater Diätkost, die ihm ganz und gar nicht schmeckt. Ich habe mit meinem Vater ausgemacht, daß ich ihn morgen um 12:15 Uhr vom Krankenhaus abhole.

Stupsi ist völlig verwirrt und sucht überall nach seinem Herrchen, schnuppert an Vaters Bett und Kleidungsstücken ;-(. Wie schaffen es nicht, ihn abzulenken. Schade nur, daß Hunde nicht ins Krankenhaus dürfen.

05.12.1999
Um 11 Uhr erhalten wir einen Anruf aus dem Krankenhaus. Der Stationsarzt teilt uns mit, daß mein Vater heute doch nicht nach Hause kommen darf. Mein Vater hat in der Nacht erbrochen, und heute morgen hat er sogar nur Blut erbrochen. Zur Beobachtung müsse mein Vater nun auf jeden Fall im Krankenhaus bleiben. Seit heute morgen bekommt er Infusionen, darf auch keine Nahrung zu sich nehmen.

Natürlich ist mein Vater sehr entäuscht, hat Tränen in den Augen stehen. Vor uns verbirgt er natürlich seine wahre Sorge, versucht ständig auf andere Themen zu schwenken. Die Ärzte haben ihm erklärt, daß vermutlich ein Äderchen geplatzt sei und dadurch mein Vater Blut erbrochen habe. Für uns stellt sich nun die Frage, ob die Endoskopieuntersuchung morgen überhaupt durchgeführt werden kann.
Der Bauch meines Vaters ist sehr stark geschwollen und aufgebläht. Mein Vater hat seit Tagen sehr große Probleme mit seinem Stuhlgang auch das Wasser lassen schmerzt sehr. Die gelbe Farbe in Gesicht und Augen ist noch stärker geworden, auch der Juckreiz ist sehr störend.
Stupsi ist sehr melancholisch, sucht öfter als sonst unseren Körperkontakt und drückt sich dann ganz fest an uns. Er scheint wohl ganz genau zu ahnen, daß da etwas nicht stimmt.

06.12.1999
Um 8:00 Uhr wird mein Vater in seinem Krankenbett zur Endoskopieuntersuchung gefahren. Nach 45 Minuten wird der Versuch ein neues Röhrchen in den Gallengang zu legen abgebrochen. Ein Verschluß am Magenausgang hat den Arzt daran gehindert, mit dem Endoskop bis zum Gallengang zu gelangen.  Soweit es mit dem Endoskop erkennbar war, war der Magenausgang völlig verschlossen. Deshalb hat mein Vater wohl auch die großen Probleme mit dem Stuhlgang.

Im Anschluß an diese Untersuchung erhält mein Vater erneut einige Infusionen. Röntgenbilder sollen weiteren Aufschluß über diesen Verschluß geben. Es werden 3 Aufnahmen gemacht: am Morgen, am Mittag und am Abend. Falls doch noch eine freie Öffnung zu erkennen ist, wird ein erneuter Endoskopieversuch in der Düsseldorfer Klinik versucht. Mein Vater würde dann mit dem Krankenwagen nach Düsseldorf gebracht werden und dort ambulant behandelt werden. Die Klinik in Düsseldorf habe ein anderes endoskopisches Gerät, das in diesem Fall wahrscheinlich geeigneter sei. Für den Fall, daß keine Öffnung mehr vorhanden sei, werde mein Vater stationär in die Klinik Krefeld verlegt. Dort werde dann versucht, operativ den Verschluß am Magenausgang aufzulösen und gleichzeitig eine Umleitung für den Gallengang zu legen. Wir hoffen natürlich, daß die erste Variante noch durchgeführt werden kann.

Am späten Abend erhält meine Mutter einen Anruf aus dem Krankenhaus. Mein Vater ist am Apparat. Leider hat er keine gute Nachricht. Die Röntgenaufnahmen haben kein positives Ergebnis ergeben. Der Magenausgang ist vollkommen verschlossen. Morgen wird er in die Krefelder Klinik verlegt, in die gleiche chirurgische Abteilung, in der er im Mai zum ersten Mal operiert wurde. Auf die Frage wie es ihm geht, kann er nur antworten : „Besch….. !“. Mehr kann er leider nicht sagen und legt auf. Bei meinem Vater und bei meiner Mutter liegen die Nerven blank. Hoffen wir mal, daß die Operation mal etwas Erfolgreiches bringt…

07.12.1999
Verlegung in die Krefelder Klinik. Alle Betten in der Krefelder Klinik sind belegt. Mein Vater muß fast zwei Stunden auf dem Flur liegen, bis man ihn dann schließlich als Kassenpatient in ein Privatpatienten-Zimmer verlegt. Morgen sollen noch einige Voruntersuchungen durchgeführt werden. Erst für den Donnerstag erhält mein Vater einen OP-Termin.
Ein Versuch meines Vaters wieder eine leiche Suppe zu sich zu nehmen, scheitert mit dem direkten Erbrechen der selben. Er ist sehr schwach.

08.12.1999
Die Voruntersuchungen sind alles andere als erfreulich. Der Blutdruck liegt bei 220 / 110. Wenn sich daran bis Morgen nichts ändert ist das Risiko einer OP zu hoch und es wird nicht operiert ;-(. Auch sein EKG ist sehr schlecht ausgefallen.
Mein Vater erbricht alles, was er zu sich nimmt. Hat dadurch auch wieder größere Schmerzen :-(.
Mittlerweile erhält er wieder Dauerinfusionen. Morphium , Cortison, Glucose. etc. . Er ist so schwach, daß ihn der Besuch sehr anstrengt; er hat die Augen oft geschlossen.

09.12.1999
Mein Vater hat einen Blutdruck von 180 / 100. Die Ärzte entscheiden sich die Operation durchzuführen. Die OP beginnt um 11:00 Uhr und dauert 2.5 Stunden. Danach muß mein Vater für 4 Stunden in einem Überwachungszimmer bleiben, da sein Blutdruck mittlerweile auf 240 / 110 angestiegen ist. Erst gegen 17:30 Uhr darf er wieder in sein ursprüngliches Zimmer.
Mein Vater ist wie nach der OP in April wieder an 3 Tropfe angeschlossen, weiterhin sind zwei Katheder aus dem Bauchraum nach aussen gelegt worden. Über einen weiteren Katheder wird ein Schmerzmittel in den Rücken meines Vaters gepumpt. Der Schnitt am Bauch ist fast identisch zu dem im April, nur ca 3 cm kleiner.
Die 2 Katheder aus dem Bauchraum sind zum einem ein künstlicher Magenausgang zum anderen ein Gallenausgang. Damit ist wohl der schlimmste Fall eingetreten. Bei dem Pech, das mein Vater hat, hätte man eigentlich damit rechnen können ;-(((. Nach dem Öffnen der Bauchdecke mußte der leitende Professor feststellen, das der gesamte Bauchraum meines Vaters bereits vom Krebs befallen sei. Der ursprüngliche Versuch eine Umleitung für die beiden Verengungen zu legen, mußte damit verworfen werden. Leider konnte keine nicht befallene Stelle mehr entdeckt werden, an denen die Katheder hätten verlegt werden können. Somit blieb nur noch die Lösung die Katheder nach außen zu legen.
Die Ärzte meinten, daß mein Vater das Weihnachtsfest höchstwahrscheinlich nicht mehr erlebt hätte, wenn die Stauungen nicht aufgelöst worden wäre. Nur wieviel Zeit bleibt ihm nun noch ?
Mein Vater hat vom Professor die volle Hiobsbotschaft erklärt bekommen. Das war für meinen Vater sicherlich wie ein Schlag ins Gesicht. Das hat ihn sehr stark mitgenommen. Letztendlich heißt es ja auch, daß seine Aussichten somit sehr schlecht stehen. Danach war mein Vater an diesem Tag kaum noch ansprechbar. Ich denke mal, daß er sich nun doch schon aufgegeben hat. Seine Stimme war sehr schwach, kaum noch hörbar. Die Augen oft geschlossen und mit zahlreichen Tränen unterlaufen. Es tut weh sich vorzustellen, was meinem Vater nun so alles durch den Kopf gehen muß. Wir haben ihn gefragt, ob er zur Ablenkung vielleicht ein Radio, Fernseher oder etwas zu lesen haben möchte. Aber nein, er möchte nichts haben. Zur Zeit ist er auch noch allein im Zimmer, sodaß er sich mit niemanden unterhalten kann, wenn er keinen Besuch hat. Nur ein leeres stilles Zimmer, in dem er die ganze Nacht vor sich her grübelt ;-(. Meiner Mutter geht es nicht viel besser, auch sie wird in den nächsten Nächten bestimmt kein Auge zu bekommen ;-((. Ich mache mir sehr große Sorgen um sie.

10.12.1999
Mein Vater hat in der letzten Nacht nicht schlafen können. Er wirkt immer noch schwach, aber ist am Morgen schon einige wenige Schritte durch das Zimmer „gelaufen“. Die Schwestern waren erstaunt, daß er sich schon so bewegen kann, da er ja erst gestern operiert wurde. Heute ist mein Vater etwas stärker, er greift wieder fest unsere Hände. Nur dann überkommt’s ihn wieder. Oft hören wir ihn fragen: „Warum ich? Womit habe ich das verdient?“ Leider können wir ihm darauf auch keine Antwort geben. Papa, Du hast es Dir nicht verdient, nicht Du ! ;-((.

11.12.1999
Auch in dieser Nacht hat mein Vater nicht schlafen können. Morgens bin ich alleine bei meinem Vater. Er greift wieder fest meine Hand und erzählt mir, was ihn bedrückt. Er macht sich Sorgen um meine Mutter, und bittet mich, ihr in Zukunnft etwas mehr unter die Arme zu greifen. Er habe noch einige unerledigte Dinge, die er zuhause angefangen hatte, aber leider nicht zu Ende bringen konnte.  Dann wollte er, daß wir über seine Beerdigung sprechen und über die Kosten die damit verbunden sind :-(((. Dann war mir klar, worüber er nächtelang gegrübelt hat: Er macht sich lange nicht soviele Sorgen um sich, vielmehr macht er sich Sorgen um meine Mutter und mich. Er macht sich Sorgen, daß er uns nun vielzuviele Umstände bereitet. Er hat Angst um meine Mutter, daß sie vielleicht noch einen Unfall baut bei diesem schlechten Wetter. Sie sollte halt nicht so oft in die Klinik kommen, aber meiner Mutter möchte ich das auch nicht ausreden. Wir kommen doch gerne zu ihm und ich bin mir sicher, er freut sich über jeden Besuch.  Ich kann es nicht oft genug erwähnen; ich verehre meinen Vater.

Nachmittags erzählt uns mein Vater, daß sein größter Wunsch ist, Weihnachten und vielleicht den Jahreswechsel zu Hause zu verbringen. Der Professor hat meinem Vater bei der Visite diese Möglichkeit in Aussicht gestellt. Aber diese Entscheidung hänge letztendlich von seinem Befinden zu diesem Zeitpunkt ab.

Mein Vater erhält heute seine erste Tasse Tee. Nur was passiert mit dem Tee? Jeder Schluck, den mein Vater nimmt, landet sofort im Auffangbeutel des Magenausgangs. Mein Vater denkt sich, was es überhaupt bringt, wenn er Tee zu sich nimmt, denn der Körper nimmt ja doch nichts davon auf :-(. Immerhin hat er dann einen feuchten Mundraum.  Immer wieder kommt mein Vater aus Versehen an den Magen-Katheder, wobei dieser dann an der Baucheintrittsstelle anfängt zu bluten. Meinem Vater wird klar, daß er wohl immer künstlich ernährt werden muß. Immer wieder kommt der Wunsch auf, einmal sanft einzuschlafen, da das Ganze doch sowieso keinen Sinn mehr mache ;-(. Aber irgendwie scheint vom Tee doch irgendetwas im Körper zu bleiben, da mein Vater nun öfter auf die Toilette muß (welches meinem Vater mittlerweile auch sehr schwer fällt).

12.12.1999
Am Morgen wird der Katheder im Rücken entfernt und mein Vater erhält nun das Schmerzmittel über eine der bestehenden anderen Infusionen. Bei der heutigen Visite erklärt der Professor meinem Vater das weitere Vorgehen: Er werde in der nächsten Woche mit dem behandelnden Onkologen besprechen, ob eine Weiterführung der Chemotherapie noch in Frage kommt. Mein Vater kann sich mit dieser Vorstellung nicht anfreunden, da er der Meinung ist, daß dies ihn nur um einige Tage weiterleiden läßt. Der Professor kann meinem Vater nicht so echt widersprechen ;-(. Damit mein Vater zuhause weiterhin künstlich ernährt werden kann, muß ihm am Ende der nächsten Woche eine Art Adapter für den Tropf in die Brust operiert werden.
Der soziale Dienst in der Klinik wird ebenfalls informiert, damit ein Krankenbett und der Pflegedienst organisiert werden können.  Meine Mutter braucht sich darum nicht zu kümmern. Dieser soziale Dienst erledigt alle Formalitäten.
Mein Vater erhält zum Mittag eine Haferschleimbrühe die natürlich ebenfalls über den Katheder ihren Weg nach draußen sucht. Für die nächsten Tage möchte mein Vater nichts mehr essen.

13.-15.12.1999
Mein Vater erhält sehr viel Besuch von seinen Schwestern, Verwandten, Arbeitskollegen und Freunden. Mittlerweile stapeln sich die Blumen auf seinem Tisch.
Ab und zu bekommt mein Vater einen schmerzhaften Krampf in der Magengegend, der einige wenige Minuten andauert. Meine Mutter befürchtet, daß er vielleicht noch einen Herzinfarkt bekommt.
Um sich den Schmerztropf in Zukunft zu sparen, erhält mein Vater ein Schmerzpflaster, das angeblich für 48 Stunden wirken soll. Vorerst bekommt er es parallel zur Schmerzmittelinfusion. Der Pflaster soll die Infusion aber nach und nach ganz ersetzen.
Meine Vater weigert sich täglich Blut abgenommen zu bekommen. Mittlerweile ist er sowieso völlig zerstochen, weil die Schwestern Probleme haben, eine noch gut sichtbare Ader zu entdecken. Und wozu diese Tortur überhaupt, irgendwelche Konsequenzen bzw. Behandlungsänderungen aufgrund der Blutergebnisse gab es bisher sowieso nicht. Hierbei bekommt man unweigerlich die Vermutung, daß die Krankenhäuser diese Leistung einfach nur der Krankenkasse in Rechnung stellen wollen.

16.12.1999
Heute wurde meinem Vater der Adapter (Port) für die künstliche Ernährungsinfusion in die Brust eingepflanzt. Am Nachmittag bekommt er wieder einen Krampf in der Magengegend, der ca. 30 Minuten anhält. Er hat starke Schmerzen und ihm steht der Schweiß auf der Stirn.  Sein Blutdruck ist bei 240 / 110. Nachdem er ein Zäpfchen bekommen hat, geht es ihm bald wieder besser. Der Blutdruck sinkt auf 160 / 60.
Mein Vater kann seinen rechten Arm kaum bewegen. Er behauptet, es sei eine Art Muskelkater, oder ist es vielleicht schon eine Auswirkung eines Herzinfarktes? Der Arzt verordnet meinem Vater aber eine Sportsalbe, er wird schon wissen was er macht.

17.12.1999
Die AOK liefert ein Krankenbett zu uns nach Hause. Leider ist es nicht das richtige. Dieses hat keine elektrische Höhenverstellung ;-(. Meine Mutter beschwert sich, und es wird ihr versprochen, Samstag Mittag das Bett auszutauschen.
Meinem Vater wird in Aussicht gestellt am nächsten Dienstag nach Hause zu kommen.  Der Pflegedienst erhält eine Einweisung für die Handhabung des Infusions-Ports. Zu beachten ist insbesondere, das die Nadelöffnung nach dem Ende einer Infusion mit einem Medikament durchgespült werden muß, damit dann kein Blut die Nadelöffnung verschließen kann.

18.12.1999
Den ganzen Tag wartet jemand von uns zu Hause auf die Lieferung der AOK, aber leider vergeblich. Keine Lieferung und noch nicht mal ein Benachrichtigungsanruf ;-(.
Die Schnittwunde am Bauch fängt an zu bluten. Nach dem Wechseln des Verbandes kann aber diese Blutung zum Glück wieder gestoppt werden. Mein Vater hat einen enormen Durst. Er meint, er könnte ununterbrochen etwas trinken, hält sich aber zurück, da sonst der Auffangbeutel des Magenausgangs ständig gewechselt werden müsste.
Der Stationsarzt gibt uns eine Liste von Infusionen, die unsere Apotheke bereitstellen muß, damit mein Vater zu hause nahtlos weiterversorgt werden kann. Hier wird man wieder mit der Bürokratie des deutschen Gesundheitswesens konfrontiert. Der Hausarzt darf meinem Vater kein Rezept ausschreiben so lange mein Vater noch im Krankenhaus liegt, und das Krankenhaus darf meinem Vater keine Medikamente mit nach Hause geben ;-(. Unsere Apotheke hat diese Infusionen nicht vorrätig, verspricht uns aber am Montag alles bereit zu stellen. Wenn mein Vater nun am Dienstag nach Hause gebracht wird, muß meine Mutter schnell zu unserem Hausarzt gehen und dort das Rezept für die Infusionen abholen, um dann anschließend die Infusionen bei der Apotheke abholen zu können. Damit mein Vater besser schlafen kann erhält er ein Psychopharmakum.

19.12.1999
Mein Vater ist sehr schwach und redet kaum. Er starrt sehr oft an die Zimmerdecke und reagiert kaum darauf, wenn er angesprochen wird. Was geht nur in ihm vor? Er macht sich sicherlich Sorgen, gar nicht mehr nach Hause zu kommen ;-(. Wir werden alles tun, damit es doch noch klappt und er Stupsi wieder begrüßen kann.
Mein Vater kann seinen rechten Arm immer noch nicht bewegen; beim Einmassieren schmerzt der Arm sehr.

20.12.1999
Die Oberärztin teilt meiner Mutter mit, daß mein Vater so schnell wie möglich nach Hause kommen soll, da dies sein größter Wunsch sei. Im Krankenhaus kann man sowieso nichts mehr für ihn tun ;-(. Mein Vater werde von Tag zu Tag schwächer werden, da sollte man ihn doch die verbleibende Zeit in vertrauter Umgebung belassen ;-(((.
Der Bauch meines Vaters ist wieder etwas angewachsen. Die Schnittwunde am Bauch fing wieder an zu bluten. Für ein leztes Mal wurde der Tumormarker gemessen:
CA19-9 Tumormarker : >2000 U/ml
Die AOK hat versprochen, für Morgen 10 Uhr das Bett auszuwechseln. Hoffen wir mal, daß dies kein leeres Versprechen ist. Erst wenn das Bett geliefert ist, kann mein Vater nach Hause gebracht werden. Unsere Apotheke ist sehr hilfsbereit und stellt uns die Infusionen ohne ein Rezept zur Verfügung.

21.12.1999
Pünklich um 10 Uhr wird das neue Bett geliefert und das falsche wieder mitgenommen. Außerdem wird der Ständer für die Infusionen und ein mobiles Klo geliefert.
Sofort danach ruft meine Mutter im Krankenhaus an, damit mein Vater nun auch nach Hause gebracht werden kann.  Um 14:30 Uhr wird mein Vater mit dem Krankentransport nach Hause gebracht. Man sieht ihm die Erleichterung förmlich an, nicht zuletzt deshalb weil er Stupsi noch einmal wiedersehen kann ;-). Stupsi spielt verrückt, versucht meinem Vater sein gesamtes Spielzeug vorbeizubringen. In den nächsten Tagen müssen wir wohl verstärkt auf Stupsi aufpassen, damit er die Auffangbeutel der beiden Katheder nicht zerbeißt.
Meine Mutter holt sich das Rezept für die Infusionen beim Hausarzt und gibt es anschließend bei unserer Apotheke ab. Währenddessen kann der Pflegedienst meinem Vater an die Infusionen anschließen. Zukünftig soll der Pflegedienst dreimal täglich zu meinem Vater kommen.

22.12.1999
Mein Vater liegt in einem sehr bequemen Krankenbett mit elektrischer Höhenverstellung. Tagsüber erhält er die zahlreichen Infusionen. Dafür kommt morgens der Pflegedienst und schließt meinen Vater an die Infusionen an und abends wieder ab. Meine Mutter übernimmt die Körperpflege und die Hilfe für das auf Toilette gehen. Mein Vater hat ununterbrochen starken Durst. Da ja durch das Trinken keinerlei Flüssigkeit im Körper verbleibt, trocknet sein Mundraum sehr schnell aus. Wenn er so trocken ist, ist seine Stimme sehr schwach und kaum wahrnehmbar.

23.12.1999
Eigentlich sollte meine Vater heute durch den medizinischen Dienst in eine der 3 Pflegestufen eingestuft werden. Aber leider erscheint niemand von diesen „hoch-wichtigen“ Leuten und außerdem hat es dieses Gremium nicht nötig, ihren Termin bei uns abzusagen. Auf eine telefonische Anfrage, warum niemand vorbeigekommen sei, wird meine Mutter auf eine sehr unfreundliche Weise abgespeist ;-((. Eine ebenso unfreundliche Antwort erhält sie bei der Nachfrage um einen neuen Termin. „Man hätte jetzt vor Weihnachten auch noch andere Dinge zu tun, und man werde sich im neuen Jahr schon für einen erneuten Termin bei uns melden.“ Nur wird mein Vater da noch unter uns sein ?

24.12.1999
Mein Vater ist sehr froh, Weihnachten zu hause bei uns zu sein ;-)). Wenigstens hat er das geschafft. Leider geht es ihm sehr schlecht. Der rechte Arm kann nicht mehr bewegt werden. Die Füße sind stark angeschwollen und durch das ständige Liegen in einer Position, beginnt auch die Liegefläche am Rücken anzuschwellen und zu schmerzen.
Mein Vater meinte in einem sehr gebrochenem Ton: „Das ist für mich das schönste Weihnachtsfest, zusammen mit Euch hier zu sein“ . Man konnte ein ganz leichtes Lächeln auf seinen Lippen erahnen.
Sein Blutdruck hält sich in Grenzen: 160/90, der Puls ist allerdings sehr hoch 120.

25.-27.12.1999
Ich habe lange überlegt, ob ich die letzten Tage meines Vaters im Detail beschreiben sollte… aber ich denke, ich bin zu dem Schluß gekommen, es nicht zu tun. Es ist sicherlich niemandem geholfen, wenn ich diese Tage und Stunden beschreibe. Ich kann nur sagen, daß ich so ein langsames „Dahinsterben“ niemandem wünsche… nicht einmal meinem übelsten Feind.

28.12.1999
Mein Vater ist um 20:50 Uhr gestorben.
Am 05.01.2000 wurde mein Vater in Tönisvorst beerdigt.

Epilog

Ein Philosophieprofessor stand vor seinen Studenten und hatte ein paar Dinge vor sich liegen. Als der Unterricht begann nahm er ein großes leeres Glas und füllte es bis zum Rand mit großen Steinen. Anschließend fragte er seine Studenten ob das Glas voll sei? Sie stimmten ihm zu.
Der Professor nahm eine Schachtel mit Kieselsteinen und schüttete sie in das Glas und schüttelte es leicht. Die Kieselsteine rollten natürlich in die Zwischenräume der größeren Steine. Dann fragte er seine Studenten erneut ob das Glas jetzt voll sei? Sie stimmten wieder zu und lachten. Der Professor seinerseits nahm eine Schachtel mit Sand und schüttete ihn in das Glas. Natürlich füllte der Sand die letzten Zwischenräume im Glas aus.
„Nun“, sagte der Professor zu seinen Studenten,“ Ich möchte dass sie erkennen, dass dieses Glas wie ihr Leben ist! Die Steine sind die wichtigen Dinge im Leben ihre Familie, ihr Partner, ihre Gesundheit, ihre Kinder, also Dinge, die – wenn alles andere wegfiele und nur sie übrig blieben – ihr Leben immer noch erfüllen würden.
Die Kieselsteine sind andere, weniger wichtige Dinge wie z.B. ihre Arbeit, ihre Wohnung, ihr Haus oder ihr Auto.
Der Sand symbolisiert die ganz kleinen Dinge im Leben. Wenn sie den Sand zuerst in das Glas füllen bleibt kein Raum für die Kieselsteine oder die großen Steine. So ist es auch in ihrem Leben, wenn sie all ihre Energie für die kleinen Dinge in ihrem Leben aufwenden, haben sie für die großen keine mehr. Achten sie auf die wichtigen Dinge, nehmen sie sich Zeit für ihre Kinder oder ihren Partner, achten sie auf ihre Gesundheit. Es wird noch genug Zeit für Arbeit, Haushalt, Partys usw geben. Achten sie zuerst auf die großen Steine, sie sind es, die wirklich zählen. Der Rest ist nur Sand.“

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