Mama Mai 1936 – Oktober 2003

Prolog

Ursprünglich waren die folgenden Aufzeichnungen nur für mein Tagebuch gedacht. Als ich aber merkte, dass die ganze Sache kein gutes Ende nehmen wird und ich die Erfahrungsberichte im Internet fand, entschied ich mich, meine ganz persönlichen Erlebnisse entsprechend umzuschreiben und so Betroffenen zur Verfügung zu stellen.
Es wird Menschen geben, die unsere damaligen Entscheidungen und Verhaltensweisen nicht verstehen werden. Dazu möchte ich nur anmerken, dass ich NIEMANDEM so eine Situation wünsche.


Mittlerweile ist fast genau ein Jahr vergangen. Ein Jahr.
Der Schmerz war anfangs immerfort da, ohne Pause. Ich stellte mich ihm, durchlebte ihn, ließ ihn zu. Manchmal glaubte ich daran zu zerbrechen.
Irgendwann wurde der Schmerz „anders“. Er ist immer noch sehr intensiv, aber ich schaffe es oft, ihn unter Kontrolle zu bringen. Manchmal allerdings trifft er mich ohne Vorwarnung…
…und dann ist er da, trifft mich mit voller Wucht, bringt Bilder mit. Ich sehe dann bestimmte Situationen aus der ganzen Zeit. Manchmal kann ich das Positive daraus ziehen, aber dann wieder schaffe ich das nicht und fühle mich wieder so total hilflos.
Und wenn ich ehrlich bin, tief in mir drin, da wo das Herz und die Seele sich berühren, da habe ich noch immer nicht akzeptiert, dass meine Mama nicht mehr da ist. Dort drin lebt sie für mich noch immer, ich habe sie nur eben mal heute nicht gesehen. Aber morgen werde ich sie wieder treffen…

Es ist so schwer, einen geliebten Menschen leiden zu sehen.
Das Wichtigste aber, ist am Ende die Kraft zu haben diesen geliebten Menschen loszulassen, damit er in Frieden sterben kann.

…und ganz egal, ob die Sonne scheint oder der Regen fällt,
ganz egal, was das Ende ist, mein Leben hat mir dir begonnen…

Sommer 2003:

Meine Mutter verbringt Ihren Jahresurlaub teilweise alleine im Campingwagen. Sie klagt über die unbequeme Liegefläche. Nach Ihrer Rückkehr berichtet sie mir über heftige Rückenschmerzen. Sie kann nachts nicht mehr schlafen. Ich dränge sie, doch mal zu einem Orthopäden zu gehen, vielleicht hat sie sich wirklich was verrenkt.

Weiter dachte ich wirklich nicht. Wie denn auch? Sie wird von Ihrem Hausarzt zum Röntgen geschickt, bekommt Bestrahlung und Spritzen. Gegen die Schmerzen bekommt sie Zäpfchen. Es geht eigentlich auf und ab. Mal geht es besser, mal schlechter. Von verschobenen Wirbeln ist die Rede, von Kalkablagerungen in den Knochen.

Schließlich Mitte September kann sie nichts mehr essen, sie ekelt sich und zwingt sich zu Zwieback und Tee. Aber alles was sie zu sich nimmt, verursacht sofort Durchfall. Da sie Insulinpflichtig ist, ist die Nahrungsaufnahme wichtig, aber es klappt nicht. Ihr Hausarzt plant sie zum Ultraschall und CT zu schicken. Die Termine sind aber erst für die Woche vom 22.09. geplant.

Am 18.09.2003 hat sie sehr große Schmerzen. Sie hat rapide abgenommen. Ihr Hausarzt hat an diesem Vormittag keine Sprechstunde, so geht sie schließlich zum Allgemeinarzt direkt neben an. Er untersucht sie, tastet ihren Bauch ab und merkt wohl sofort, dass etwas nicht stimmt. Er setzt sich mit  ihrem Hausarzt später in Verbindung, es wird ein Termin für den nächsten Morgen für ein CT vereinbart.

Irgendwann dazwischen nimmt ihr Hausarzt mit einem Oberarzt vom Krankenhaus Kontakt auf und vereinbart, dass Mama sich dort morgen, Freitag, 19.09.2003 16 Uhr vorstellen kann. Erst an diesem Freitag erfahre ich gegen 11 Uhr von dem ganzen Ausmaß des Leidens meiner Mutter. Sie geht mit ihren Problemen nicht hausieren. Sie behält alles für sich, will uns nicht belasten. Wir hatten uns zwar immer wieder gesehen, waren einkaufen, aber sie meinte, sie wäre in Behandlung. Also gut.

Das sich hinter dem tage- und nächtelangem, unter Schmerzen dahinschleppenden Wanderungen (was mir mein Vater erst viel später erzählte) ein aggressiver, bösartiger, gemeiner Tumor verbarg – wie konnte ich das ahnen? Wie konnte einer von uns das ahnen?

Sie rief mich also an diesem Freitag gegen 11 Uhr an und meinte: „ Komm doch bitte nach der Arbeit bei mir vorbei. Ich muß dir was geben, was du für mich aufbewahren mußt. Reg dich nicht auf, ich muß für ein paar Tage ins Krankenhaus.

Okay, sofort schrillten alle meine Alarmglocken. Ich konnte am Telefon nicht mehr viel sagen, ein dicker Kloß versperrte den Weg. Ich rief meine Schwester sofort an, vielleicht wußte sie ja mehr. Manchmal ging Mama auf ihrem Rundgang bei ihr vorbei. Nein, sie wusste auch nichts. Wir wollten uns nach unserer Arbeit bei unserer Mutter treffen. Also so gegen 13 Uhr. Tränen kamen hoch und ich wußte nicht mehr ein noch aus. Mama hatte doch irgendwas von erhöhten Leberwerten erzählt oder? Sind das jetzt Spätfolgen des Diabetes?

Was sollte ich für sie aufbewahren? Geht’s ihr noch ganz gut? Was weiß Mama? Wie schlimm ist es wirklich? Kurz darauf rief mich meine Schwester übers Handy an und meinte, sie könnte sofort gehen. Also ließ ich auch alles fallen. Arbeiten hätte ich eh nicht mehr können. Sie war schneller bei meinen Eltern, aber es war keiner zu Hause. Wo war Mama? War sie doch arbeiten gewesen und hatte mich von ihrer Arbeit aus angerufen? Irgendwann tauchte sie dann doch auf. Sie war bei einem Nachbarn, hatte seinen Schlüssel abgegeben, da sie ja jetzt einige Tage nicht da ist.

Als ich schließlich eintraf, waren Mama und meine Schwester schon in der Wohnung und saßen in der Küche auf Mamas Stammplatz. Vater war auf dem Weg nach Hause. Beide waren dann erstaunt, was wir da wollten. Von wegen nicht aufregen und so. Ihr habt gut reden. Mama hatte schon ihre Tasche gepackt. Wie ein Häufchen Elend saß sie da auf ihrem Stuhl. Um 16 Uhr sollte sie ja unten sein. Vorher mußten wir aber in der Stadt noch die Bilder vom Radiologen abholen. Also wollten wir uns so gegen 15:30 Uhr treffen.

Zu Hause angekommen, rief ich meinen zweitältesten Bruder  an und erzählte ihm alles. Meinen ältesten Bruder  erreichte ich leider nicht. Schließlich holten mein Vater und meine Schwester mich ab, wir fuhren in die Siedlung, wo Mama wartete. Sie hatte starke Rückenschmerzen und war froh, als wir endlich kamen. Wir holten die Bilder ab und fuhren in die Klinik. Mama wurde angemeldet in der Notaufnahme. Meine Schwester übernahm das hauptsächlich. Unser zweitältester Bruder war inzwischen auch schon eingetroffen. Dann mußten wir eine Weile warten.

Wir machten uns noch über verschiedene Dinge lustig, z.b. der junge Mann bei der Anmeldung in der Notaufnahme, ganz wichtig sah er sich den Arztbrief und die Bilder an. Ein Arzt schlurfte an uns vorbei, sah uns erstaunt an und fragte nach unseren Anliegen. Es war dieser Oberarzt, mit dessen Sekretärin Mamas Hausarzt den Termin für jetzt ausgemacht hatte. Angeblich war diese zwar nicht mehr im Hause, da es ja Freitag sei, sie kam aber im selben Moment aus ihrem Zimmer, als der Oberarzt uns ansprach.

Ja okay alles klar. Wer aber jetzt meint, dass dieser Oberarzt unsere Mutter untersuchen würde, ha Pustekuchen. Von einem Pfleger wurden wir in die Notaufnahme gerufen. Vater und Bruder warteten draußen. Mama mußte sich auf eine Liege legen. Der Stationsarzt von der Allgemeinchirurgie kam. Seinen Namen nannte er uns nicht, wir könnten ihn eh nicht aussprechen. Okay. Er war sehr nett und nach der ersten Untersuchung und Abtasten, wobei meine Mutter sehr große Schmerzen hatte, holte er einen Infobogen aus einem dicken Ordner. Ich glaube, ich sah Mama in dieser Situation zum ersten Mal vor Schmerzen laut aufstöhnen. Eine völlig neue Situation für mich. Dieser Bogen zeigte die Bauchspeicheldrüse. Er zeigte uns, was er vermutete. Er nahm sich wirklich Zeit und beantwortete alle nervigen Fragen von meiner Schwester. Später hieß er dann nur noch „Picks-Arzt“. Er klärte auch Mama auf. Redete von verstopften Leber- und Gallengängen. Deshalb hätte sie auch Gelbsucht. Ja stimmt. Jetzt wo er es erwähnt, Mama war wirklich gelb, vor allem in den Augen.

Diese Verstopfungen könnte man aber mit Stends wieder richten. Sie würden ihr auf jeden Fall helfen. Er redete auch von einer eventuellen Chemotherapie. Da durchzuckte mich zum ersten Mal der Gedanke „KREBS“. Ich schaute meine Schwester fragend an, formte das Wort lautlos. Was ist geschehen?  Von einer eventuellen OP war dann die Rede, er zeigte uns, wo sie eine „Raumforderung“ vermuteten, zeigte uns die Auswirkungen auf diese Leber- und Gallengänge. Alles wurde ja praktisch zusammengequetscht. Der Arzt bemerkte die Bestürztheit von Mama und meinte noch mal: „ Wir helfen Ihnen, alles wird gut. Sie brauchen jetzt nicht ihr Testament zu machen, keine Aufregung“

Er nahm ihr Blut ab, legte einen Zugang. Das Blut kam ins Labor. Meine Schwester fragte immer wieder nach, ob er die anderen Medikamente notiert hätte, die unsere Mutter noch nehmen muss. Schließlich schrieb sie den Namen von Mama auf diesen kleinen Zettel, auf dem wir dies alles notiert hatten. Dieser lag da so achtlos rum, sie hielt es einfach nicht mehr aus. Was ist mit Insulin messen und spritzen, es wäre jetzt an der Zeit.

Später sollten wir über das alles noch lachen. Bis uns das Lachen verging. Die Laborwerte kamen nur nach und nach. Wie erwartet hatte Mama Gelbsucht. Der Arzt versuchte noch einen Termin für eine Endoskopie zu bekommen. Durch den Vorhang hörten wir „Verdacht auf Pankreas-Karzinom“, Karzinom – Krebs. Also doch.

Mama bekam das nicht mit.  Er erklärte uns schließlich, dass wir wegen der Endoskopie lieber bis morgen warten sollten. Morgen wäre der echte und wahre Spezialist im Hause. Das Warten würde sich lohnen. Vater fuhr zwischenzeitlich nach Hause, er mußte ja arbeiten. Wir drei blieben. Schließlich durfte Mama auf Station. 3. Stock Station A Zimmer 319. Sie bekam eine Infusion angelegt, später wurde ein Schmerzmittel hinzugefügt. Der erste Tag ging zu Ende. Wir riefen Vater noch gegen 20 Uhr an, damit er auch wußte, wo sie lag.

Krebs – das Schlimmste traf ein. Aber zu diesem Zeitpunkt waren wir noch überzeugt, dass man Mama helfen kann. Viele Krebsarten sind doch heilbar oder auch behandelbar, dank der medizinischen Forschungen.
Wie sehr sollten wir uns täuschen.

Samstag, 20.09.2003

Warten auf den Spezialisten. Infusionen laufen. Kein Essen für Mama. Aber ich glaube sie hätte eh nichts runterbekommen. Zu groß war der Ekel. Gegen 11 Uhr kommt der Spezialist. Leider muß er uns mitteilen, dass er es heute nicht mehr schafft, Mama daran zu nehmen. Sie hätten Notaufnahme und wahnsinnig viel zu tun. Und Mama sei ja kein NOT-Fall. Doch für uns schon. Wir sahen doch, dass es ihr dreckig ging. Es tue ihm leid. Aber am Montag. Wir verstehen nicht warum. Der Arzt aus der Notaufnahme hat doch auch gemeint: nicht bis Montag warten. Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit? Nein keine Chance, erst am Montag.

Mama darf ein wenig essen, es klappt aber nicht so gut. Meine Schwester und ich sind enttäuscht. Wir machen einen kleinen Spaziergang. Kurz vorm Eingang spricht uns plötzlich dieser Arzt an, fragt, ob wir schon Bescheid wüßten über den Zustand unserer Mutter. Naja, in der Notaufnahme hatte man uns einiges erklärt. Raumforderung und so. Nun, es sehe sehr schlecht aus. Wir folgten ihm auf der Suche nach einer stillen Ecke. Meine Schwester griff nach meiner Hand und Panik machte sich in mir breit. In der Radiologie fanden wir eine kleine, etwas geschützte Sitzgruppe. Genau kann ich mich nicht mehr an das Gespräch erinnern. Nur noch Fetzen daraus. „ Es sieht sehr schlecht aus, keine OP möglich, sehr große Raumforderung, Lebenserwartung 2-4 Monate, 20 Jahre Berufserfahrung damit, über 200 Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, alle gestorben. Nur einmal hätte eine 27 jährige überlebt. Ist absolut nicht heilbar. Lebensqualität erhalten sei jetzt das Wichtigste. Es wäre eigentlich nicht seine Aufgabe, uns das alles zu sagen, aber er hätte unsere fragenden Blicke, unsere Zweifel und Ängste in den Augen gesehen.“

Ich konnte nur heulen und dachte die ganze Zeit, Weihnachten ist sie nicht mehr da. Eben hatten wir noch oben mit Mama zusammen gelacht, über meine Schwester und den Picks-Arzt und jetzt sitze ich hier und bekomme das alles nicht auf die Reihe. Wir benachrichtigen unsere Brüder, soweit das eben geht, wir sind beide am Boden zerstört. Was sollen wir Vater sagen? Er wartet auf unseren Anruf. Er ging ja noch davon aus, dass die Endoskopie heute stattfinden würde. Und wenn wir Bescheid wüßten, sollten wir ihn anrufen.

Ich konnte doch nicht jetzt einfach wieder nach oben gehen und so tun, als wäre nichts. Unsere Brüder trafen ein. Ich war wie gelähmt. Der zweitälteste Bruder war genauso fertig. Unser ältester Bruder hatte sich besser im Griff. Sollten wir Vater jetzt und heute die Wahrheit sagen? Mein ältester Bruder versuchte jemanden von der Seelsorge aus dem Krankenhaus zu bekommen, rief schließlich bei der Telefonseelsorge an. Nein, wir sollten unserem Vater noch nichts sagen. Lieber bis Montag warten. Da würde ja dann auf jeden Fall auch ein Gespräch mit dem Arzt anstehen.

Ich war Kopflos, rannte in die Kapelle, notiere Nummern von Vertretungen, ging auf die Geburtsstation, fragte ob mir da jemand helfen könnte, wir bräuchten eine Seelsorgerin. Die Schwester gab mir den Namen einer Pfarrerin und die Nummer der Uniklinik, darüber wäre jemand erreichbar. Über die Information wurde der Kontakt mit einer evangelischen Pfarrerin hergestellt und wir verabredeten uns in der Kapelle. Offiziell war ich in dieser Zeit zu Hause. Meine Brüder gingen in langen Zeitabständen nach oben, um Mama zu besuchen.

Die Pfarrerin kam und wir redeten. Nach und nach kamen meine Geschwister dazu und wir redeten gemeinsam. Auch die Pfarrerin war der Meinung, wir sollten unserem Vater noch nichts sagen. Ich redete noch lange Zeit mit ihr alleine. Ich verstand einfach nicht, wer das jetzt so bestimmt, dass Mama gehen muß. Wer braucht sie denn so sehr? Ich brauche sie hier noch. Ich kann sie noch nicht hergeben. Ich war so wütend auf Gott oder sonst jemanden. Nein, ich verstand das alles nicht.
Ich hätte nicht gleich nach oben gehen können. Inzwischen war Vater gekommen. Sie hätten es mir wahrscheinlich beide angesehen, dass etwas nicht stimmt. Schließlich raffte ich all meinen Mut zusammen, riß mich zusammen und ging nach oben. Alle waren sie auf dem Besucherbalkon. Wir scherzten und lachten, zogen meine Schwester mit ihrem Picks-Arzt auf.

Am Abend erhielt ich von meinem zweitältesten Bruder eine SMS: 20.09.2003 19:25 Uhr: Bin stolz auf dich wie du es überspielt hast und noch mal gekommen bist.
Meine Antwort: Danke. Ich hoffe Gott oder wer auch immer steht uns bei.

Dabei war ich so wütend auf Gott. Warum Mama? Wer braucht sie da oben so dringend? Wer?

Sonntags passierte nicht viel.
Wir mußten uns halt alle verstellen. Immer Lächeln und Hoffnung verbreiten.

Montag, 22.09.2003

Endlich die Aussicht auf die Endoskopie. Mama wurde gegen 12:45 Uhr geholt und kam gegen 15 Uhr mit großen Schmerzen zurück. Die Stends waren eingesetzt worden und Gewebe war entnommen worden. Ich rannte der Schwester hinterher, dass sie endlich mit der Infusion mit Schmerzmittel kam. Ich hielt es im Zimmer fast nicht aus. Mir wurde schlecht beim Anblick der Schmerzen meiner Mutter. Ich wollte ihr so gerne helfen und konnte doch nur so wenig tun. Schließlich hatte mein Generve bei der Schwester Erfolg und Mama bekam ihre Infusion. Die Schmerzen ließen langsam nach. Der Stationsarzt von der Allgemeinchirurgie kam schließlich zur Besprechung und wir gingen nach draußen auf den Balkon. So konnte Mama noch etwas schlafen und bekam hoffentlich nichts mit. Mein Vater und meine Schwester waren bereits auf dem Balkon und wir setzten uns.

Der Arzt erklärte uns, aber vor allem Vater, dass es sich bestätigte hätte, dass ein Tumor in der Bauchspeicheldrüse sitzt. Ein MRT und eine Ultraschalluntersuchung über ein Endoskop würden noch als Untersuchungen angesetzt werden. Auch um zu überprüfen, ob schon Metastasen da seien. Vater nahm es eigentlich ganz gefaßt auf. Klar war er danach immer wieder in sich gekehrt, stöhnte auf und murmelte „Scheiße“. Aber ich hatte einen schlimmeren Zusammenbruch erwartet. War auch alles bei ihm angekommen? Gut, der Arzt hatte nichts von Lebenserwartung gesagt. Wichtig war uns allen ja nur, das Mama schmerzfrei bleiben sollte und das hatte er ja auch bestätigt. Auch sprach er da schon das Hospiz an und das man die Schmerzmittel sehr hoch dosieren kann, fast so überschwappen lassen kann, so dass der Patient, also Mama, von all dem nicht mehr viel mitbekommen würde. Aber Vater kann sich heute daran nicht mehr erinnern. Ich glaube er war doch geschockter, als man ihm ansah.

Im Dämmerschlaf sagte Mama zu meiner Schwester: „Hoffentlich kein Krebs“. Sie schrieb es mir auf einen Block. Wir wußten beide nicht, was wir tun sollten. Vater und Mutter hatten sich an diese Untersuchung heute geklammert. Danach wäre bestimmt alles wieder gut.

Dienstag, 23.09.2003

Mama durfte eine Kleinigkeit essen. Es fiel ihr sehr schwer. Durch den Eingriff gestern hatte sie große Schmerzen. Sie mußte jetzt auch zusätzlich Schmerzzäpfchen nehmen. Am Morgen waren meine Schwester und ich bei Mamas Hausarzt gewesen. Er hatte vom Radiologen den Befund bekommen. Metastasen an Knochen und Organen, vielleicht sogar in der Lunge. Dieses Jahr würde sie nicht überleben. Wir redeten vielleicht nur noch über Wochen. Wir hofften, dass durch den Befund ihr vielleicht die angesetzten Untersuchungen erspart bleiben würden. Nein, sie werden trotzdem durchgeführt. Mama hatte wahnsinnige Angst davor, und sie hoffte dass mit ein paar Tabletten alles wieder gut werden wird.

Mittwoch, 24.09.2003

Das MRT steht bevor. Um 13:15 Uhr begleiten wir Mama in die Radiologie. Um ca. 14 Uhr könnten wir sie wieder abholen. Der Spezialist lief uns zufällig über den Weg und erkundigte sich nach Mama. Wir erwähnten, dass sie halt immer noch diese Rückenschmerzen hätte. Er erwiderte, „Das müssen wir anders behandeln.“ Oh Gott! Doch operieren? Der Tumor hatte sich bereits an eine Hauptvene im Rücken geheftet und drückte auf verschiedene Nervenbahnen. Das MRT verlief einigermaßen. Nur das lange Liegen auf dem Rücken hat Mama sehr mitgenommen.

Donnerstag, 25.09.2003

Heute soll die Sono-Endoskopie gemacht werden, also eine Ultraschalluntersuchung über einen Endoskopieschlauch. Abends wollten wir dann mit den Ärzten und Vater Klartext reden. Leider wird die Untersuchung aber auf den nächsten Tag verschoben. Und da Mama so große Angst hat, vor allem vor den zusätzlichen Schmerzen hinterher, wollen wir die Wahrheit auch noch zurückhalten.

Freitag, 26.09.2003

Als meine Schwester und ich ihr Zimmer morgens betreten, ist ihr Bett und sie bereits weg. Was für ein Schock. Gegen 12 Uhr kommt sie zurück. Schlafend. Ihr tut später der Rücken wahnsinnig weh. Wir beten, dass die Schmerzmittel schnell wirken. Es wurde wohl auch von außerhalb ein Ultraschall gemacht, der Arzt mußte halt auch etwas drauf drücken. Aber Mama hat keinen Ton gesagt, obwohl sie da ja noch bei Bewußtsein war. Als der Arzt das gemerkt hat mit den Schmerzen, fragt er sie wieso sie denn nichts sagt und war ganz verwundert. Aber so ist Mama.

Freitagabends werden die Schmerzen trotz Tropf und Zäpfchen stetig schlimmer. Da die Schwestern aber gerade so schön zusammen sitzen und Tee trinken, möchte meine Mutter sie nicht stören. Ich ertrage Mamas Rücksicht auf andere nicht mehr, spreche die Schwester an. Sie gibt mir auch sofort ein Zäpfchen für Mama und sagt, sie solle ruhig auf jeden Fall kommen oder klingeln, wenn was wäre. Dafür sind die Schwestern doch da. Aber so ist Mama.

Ich gehe in den Aufenthaltsraum, wo die ganze Familie um Mama sitzt und werfe das Zäpfchen über ihre Schulter auf den Tisch. Dann verschwinde ich ganz schnell. Denn wenn Mama könnte, würde sie mir hinterherlaufen und mir die Ohren lang ziehen. Das zumindest ruft sie mir hinterher. Ich verschwinde.

Mama denkt eh, dass meine Schwester und ich viel zu nervig zu den Schwestern und Ärzten sind. Ständig haben wir Fragen, Anmerkungen und so. Wir finden nicht dass wir zu nervig sind. Schließlich geht es um Mama.

Eigentlich wollten wir ja alle heute mit dem Arzt reden. Sogar unser ältester Bruder hat es eingerichtet, dass der da ist. Abgehetzt kam er an. Aber die Zeit lief uns davon. Spätestens um 20 Uhr muß man das Krankenhaus verlassen. Und wir wollten doch dann noch lange für Mama da sein, wenn sie die Wahrheit erfahren sollte.

Der Stationsarzt war im OP, so viele Notfälle. Also wollten wir es ihr doch erst morgen sagen, möglichst früh. Ihn können wir abends noch abfangen und klären das mit ihm. OK. Was aber wenn ein anderer Arzt was zu Mama sagt? Keine Ahnung. Wir hofften, dass das nicht der Fall sein würde.

Samstag, 27.09.2003

Die Stunde der Wahrheit. Noch vor der Visite treffen wir auf den Stationsarzt im Aufenthaltsraum. Mama hatte eine schlechte Nacht. Sie hatte eine etwas senile und verwirrte Bettnachbarin bekommen. Der Arzt erklärte ganz ruhig und verständlich, was Sache ist. Zeichnete sogar das Monster auf Papier. Alles verläuft sehr ruhig, keine Tränen, kein Aufschrei.

Da vom chirurgischen Standpunkt aus operativ nichts mehr zu machen ist, könnte er sie gleich entlassen. Er erklärte uns zwar, dass es da eine riesige Operation gäbe, aber die stehe nicht zu Debatte. Wir hatten uns darüber kundig gemacht und waren derselben Meinung. Also heute entlassen und Montag in einer Woche, also am 06.10.2003 würde unter dem Spezialisten eine Chemotherapie beginnen. Man will versuchen, das Wachstum zu verlangsamen, die Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten.

Tja was nun? Mir wäre es lieber gewesen, Mama hätte gleich da bleiben können, klar muß sie die Station wechseln, aber nach Hause? Es war auch einfach dieses blöde Gefühl in der Magengegend, so von wegen, die Sache ist abgehakt, man kann eh nichts mehr tun. Vater und Mutter entschieden sich für die Entlassung. Also Sachen packen, Zäpfchen fürs Wochenende und los. Gleich wurde geplant, dass sie ja zum Geburtstag von der Schwiegertochter fahren könnten. Ich wußte gar nichts mehr. Warum tun sie so, als wäre nichts.

Meine Schwester und ich hatten in dieser vergangen Woche alle Horror-Szenarien durchgespielt. Hatten uns über häusliche Pflege erkundigt. Hatten uns über das WO des Sterbens unterhalten. Sogar im Hospiz hatte ich angerufen und einige Informationen eingeholt. Und kaum sind wir drei Schritte aus dem Krankenhaus raus, nehmen die anderen den normalen Ablauf wieder auf. Alles wird ja wieder gut. Die Chemo wird’s schon richten. NEIN. Nichts wird wieder gut.

Aber auf der anderen Seite, die Eltern wußten ja nichts von der kurzen Lebenserwartung bei Bauchspeicheldrüsenkrebs. Wir schon. Über das Internet hatten wir uns schlau gemacht. Was sollten wir tun? Wir zwei fuhren nicht mit. Die Eltern wollten sich später noch mal melden, ansonsten würden wir uns am nächsten Tag sehen. Erst nach „Gewaltandrohung“ von meiner Seite steckte Mama ein Schmerzzäpfchen ein. Diese Frau macht mich fertig.

Sonntag, 28.09.2003

Wir besuchen Mama und gehen mit ihr spazieren. Wie immer schickt sie uns nach einer Weile nach Hause. Sie macht sich Sorgen um uns, Sorgen das wir z.B. unsere Arbeit verlieren. Schließlich waren wir die ganze letzte Woche bei ihr und die kommende Woche hatten wir auch schon für sie freigehalten.

Montag, 29.09.2003

Ich besorge ein Rezept für die Schmerzzäpfchen. Wir gehen für die Eltern einkaufen. Kaum sind wir da, sagt sie auch schon, wir sollen jetzt heimgehen. Meine Schwester kommt damit sehr schlecht zurecht. Ich versuche ihr zu erklären, dass Mama uns damit nur schonen will. Es gelingt mir nicht so recht. Und wenn ich ehrlich bin, ein wenig eingeschnappt bin ich auch.

Unser zweitältester Bruder kommt abends nach seiner Arbeit und geht mit Mama um den Block. Mama will uns einfach nicht noch mehr belasten. Darüber reden, also über den Krebs will sie auch nicht. Sie hat nur einmal kurz gefragt WARUM? Mehr nicht. Wir selbst sind so hilflos und wollen sie nicht bedrängen.

Für Morgen haben wir einen Termin bei der Fußpflege ausgemacht.

Meine Schwester ist ziemlich fertig und rief mich noch mal an. Sie meinte, sie würde Mama fragen, ob sie sie überhaupt am Montag mit dabei haben will, wenn sie wieder ins Krankenhaus muss. Natürlich will Mama das. Und ich brauche dich auch. Allein schaffe ich das nicht. Wenn ich an die Chemo und ihre Nebenwirkungen denke, würde ich am liebsten weglaufen. Mama war noch nie wirklich krank. Sie so zu sehen, mit Schmerzen, hilflos. Das stehe ich fast nicht durch. Die Zeit arbeitet gegen uns.

Dienstag, 30.09.2003

Heute war ein guter Tag. Eltern waren gut gelaunt. Vater durfte sogar kochen. Meine Schwester war auch einigermaßen wieder versöhnt. Zusammen fuhren wir Mama zur Fußpflege. Wir durften sogar bis nach dem Mittagessen bleiben. Dann legte sich Mama hin. Unser Bruder wird heute Abend wieder mit ihr einen Spaziergang machen. Die vergangene Nacht hat sie nicht gut geschlafen, zu viele Gedanken. Aber das würde sie nie zugeben. Wieder fragt sie uns, ob wir nicht unsere Jobs auf Spiel setzen wegen ihr, „Wegen eurer alten Mutter“.
Nein, ganz bestimmt nicht. Aber das macht ihr halt alles Sorgen. Sie kann es nicht annehmen, dass wir jetzt für sie da sein wollen. In der Apotheke haben wir ein rezeptfreies Schlafmittel besorgt. Hoffentlich hilft es ihr.

Der Bericht eines Mannes im Internet über den BSD-Krebs seines Vaters hat mich besonders getroffen.

Mittwoch, 01.10.2003

Meine Schwester hat mir heute erzählt, dass Mama gestern einer gemeinsamen Freundin erzählt hat, sie hätte Schmerzen und könnte doch nicht ständig Zäpfchen nehmen. Doch, verdammt noch mal, du kannst so viele Zäpfchen nehmen wie du brauchst.

Wenn wir sie fragen, ob sie Schmerzen hat, sagt sie immer nein. Auch wenn ihr Gesicht etwas anderes erzählt. Aber was sollen wir denn tun? Zwingen können wir sie nicht. Noch nicht.

Schlafen konnte sie die vergangene Nacht wieder nicht. Das rezeptfreie Mittel hat nicht gewirkt. Durchfall hat Mama auch wieder ständig. Warum ist alles so unfair. Warum muß sie sterben, warum?

Die größte Angst hat man glaub ich vor dem Unbekannten. Wenn man so gar nicht weiß, was kommt.

Freitag, 03.10.2003

Heute sollen wir uns ausruhen, sagt Mama und zu Hause bleiben. Ein verschenkter Tag in meinen Augen. Gestern war sehr anstrengend für mich und ich habe seit Tagen wieder weinen müssen. Ich mußte mit meinem Sohn auf ein Schulfest und hielt es fast nicht aus.

Am Montag startet eine schwache Chemo, die ihren jetzigen Zustand noch ein wenig halten soll. Schlägt sie nicht an, geht es schnell bergab. Die Schmerzen kommen bei ihr auch schon von den Knochenmetastasen. Und die sind wohl nicht ohne. Die vermehren sich auch und irgendwann sind sie auch im Gehirn und dann ist es mir ihr vorbei. Ein Häufchen Elend. Und Schmerzen hat sie nach wie vor. Sie läuft total eierisch. Gibt es aber nicht zu. Ich verliere glaube ich wirklich bald meinen Verstand.
Meine Hoffnung ist schon gestorben. Ich fühle mich vollkommen leer und auch so nutzlos. Was soll ich heute machen? Ein verschenkter Tag.

Vater hat mir erzählt, dass sie ihm erzählt hätte, dass sie vor Montag große Angst hätte, aber das dann ja alles gut wird, dass dann auch die Schmerzen weg sind. Die Schmerzen werden nicht weggehen, sie werden stärker werden. Verdammt noch mal. Nichts wird gut werden. Gar nichts.

Sonntag, 05.10.2003

Mama hat Durchfall und Schmerzen. Am liebsten würden wir sie in die Klinik bringen. Aber sie weigert sich. Obwohl es ihr nicht gut geht, waren wir gestern zweimal spazieren. Später tat ihr dann auch noch das Genick weh. Sind die Hirnmetastasen schon auf dem Weg?

Vater geht davon auch, dass sie noch so 2 Jahre damit leben kann. 2 Jahre? Wir haben noch nicht mal ´ne Garantie auf 2 Wochen. Die Nerven liegen blank. Meine Nerven liegen blank.

Mama hat sehr große Angst vor morgen, Vater wünscht sich den Montag herbei. Ich habe ihm gesagt, er solle nicht zuviel Hoffnung in diesen Tag leben. Jaja sagt er. Jaja. Es wird ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Er wird so tief fallen, er wird den Verstand verlieren – wenn er die grausame Wahrheit erfährt. Aber wir Kinder sind unfähig es ihm zu sagen. Wir wollen ihm auch nicht die Hoffnung nehmen. Wir hoffen doch auch noch ein ganz kleines bißchen.

Meine Schwester und ich waren bei Mama und haben ihr geholfen die Tasche für morgen zu packen. Sie hat solche Angst, aber zugeben kann sie es nicht, reden will sie darüber mit uns nicht. Sie hat gesagt, wenn sie sie in eine Reha schicken wollen, will sie das eigentlich nicht. REHA? Oh mein Gott. Mama du darfst dich bald für immer ausruhen. In eine Reha kommen nur Menschen, die nach einer Erkrankung weiterleben.

Mir ist übel, ich habe Durchfall gehabt. Wir sind am Anschlag und verlieren noch unseren Verstand.

Dienstag, 07.10.2003

Gestern Morgen mußte sich Mama um 7:30 Uhr in der Notaufnahme der Inneren Medizin melden. Die ganze Nacht konnte sie vor Schmerzen nicht schlafen. Nur rum laufen. Als ich um kurz nach 8 Uhr in die Klinik kam, standen ihr die Schmerzen ins Gesicht geschrieben.

Irgendwann wurde sie dann aufgerufen. Leider durfte niemand von uns mit rein. Blut wurde entnommen. Dann hoch in den 7. Stock auf Station B. Und alles mit unerträglichen Schmerzen. Ich gab die Formulare bei einer Schwester ab. Der junge Assistenzarzt kam auf uns zu, begrüßte Mama und fragte, was wir wollten. Tja, wir sind für heute bestellt worden, die Chemo sollte beginnen. Nun, sie seien völlig belegt, wir sollten wieder nach Hause gehen und nächste Woche noch mal kommen. WAS???

Meine Mutter konnte vor Schmerzen kaum gehen oder stehen. Sie hatte sich mittlerweile bei meinem Vater am Arm eingehängt. Wie schauten diesen Arzt mit großen Augen an und uns fehlten im ersten Moment echt die Worte. Aber dann…, sie hat Schmerzen und wir gehen jetzt nicht nach Hause. Selbst die Schwester meinte zu ihm: „Diese Frau hat große Schmerzen, sie können sie jetzt nicht wieder heim schicken.“ OK. Ein Zimmer wäre im Moment nicht frei, eventuell müßte sie eine Nacht auf dem Flur liegen. Egal. Hauptsache schnell ein Mittel gegen die Schmerzen. Wir mussten uns in den Aufenthaltsraum setzen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis endlich der Tropf kam. Sie durfte frühstücken. Schließlich wurde doch ein Zimmer frei. Zimmer 727. Mit ihr ins Zimmer kam eine Frau, die ihre zweite Chemo bekam.

Der Assistenzarzt kam, hatte immer noch keine Akte meiner Mutter. Er wußte ja noch nicht mal, dass Mama für heute angemeldet war. Mama musste ihm alles erzählen. Im Anhang hatte er einen Lernarzt. Sie untersuchten meine Mutter, drückten auf Ihrem schmerzenden Bauch herum. Axxxxlöcher. Die Schmerzen gingen trotz Infusion nicht weg. Mittags war sie durchgelaufen. Sie gaben Mama dann 40 Tropfen von einem Schmerzmittel. Dieses hatte sie auch zu Hause. Aber wie zu Hause, die Schmerzen kamen und blieben. Also wieder zur Schwester und wieder eine Infusion. Gegen Spätnachmittag waren die Schmerzen immer noch da. Mama bewegte sich wie ein Roboter. Wieder sagten wir der Schwester Bescheid. Der Oberarzt wurde informiert. Gegen 19 Uhr kam er dann endlich. Er schlug vor, dass meine Mutter jetzt eine Spritze bekommen solle und ein Pflaster mit einem Schmerzmittel aus der Opiate-Gruppe. Die Spritze solle wohl direkt in den Bauch gegeben werden. Was da genau drin war, weiß ich nicht mehr. Ein Ultraschall sollte noch gemacht werden. Der Stend in der Galle müßte erneuert werden und eine Magenspiegelung wäre noch von Vorteil. Oh Mann. Meine Schwester und ich verließen nach dieser Besprechung das Krankenhaus. Wir waren fertig. Mein Vater und mein Bruder blieben noch.

Als wir dann heute Mittag zu ihr kamen (wir waren beide heute zum ersten Mal wieder arbeiten), machte sie einen sehr guten Eindruck. Gestern lag sie immer wieder im Bett und war auch etwas verwirrt. Heute machte sie einen agilen Eindruck, etwas verwirrt noch. Am Mittag hatte sie sich übergeben. Sie mußte so ein komisches Zeug schlucken, damit der Stuhlgang weich wird. Durch das Pflaster kann es manchmal zu Verstopfungen kommen. Das Zeug oder auch das Pflaster an sich ist ihr dann wohl nicht bekommen. Die Bettnachbarin riß dann wohl die Tür auf und rief um Hilfe. Alle kamen angerannt. Jetzt war wieder alles OK. Der Oberarzt kam gegen 17 Uhr und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Er schaute sich den Sitz des Pflasters an. Dann kam das Essen, er schaute sich ihr Essen an, gab die Anweisung an die Schwester wegen dem Brot. Mama mag das Körnerbrot nicht, außerdem verträgt sie es auch nicht so gut. So bekommt meine Mutter hoffentlich bald nur noch so Essen, was sie auch wirklich mag. Denn abnehmen darf sie jetzt nicht mehr.

Dann erklärt er meiner Mutter, dass sie morgen eine Gewebeprobe noch mal entnehmen müßten. Bei der Endoskopie hatten sie zwar aus der Galle etwas entnommen, aber dem Pathologen wäre das zu wenig gewesen. Für diese Entnahme würden sie durch die Bauchdecke rein gehen und direkt aus der Bauchspeicheldrüse Gewebe entnehmen. Mama nickte und lächelte nur und er merkte, dass sie das ja eigentlich gar nicht verstanden hatte. Er erklärte es noch mal und sagte auch, dass sie durch eine Betäubung davon nichts mitkriegen würde. Mama begab sich voll in seine Hände.

Der Ultraschall heute hatte wohl alle vorliegenden Befunde bestätigt. Mama hatte uns erzählt, die Ultraschall-Ärztin hätte gesagt, der Tumor wäre geschrumpft und es wären keine Metastasen zu sehen. ??? Wir sind verwirrt. Oder Mama???

Ich glaube so ganz bei sich ist sie nicht. Vieles versteht sie nicht oder versteht es falsch. Die Befunde vom Oberarzt sind eindeutig. Leider. Der Tumor ist garantiert nicht geschrumpft. Woher denn auch?

Leider müssen meine Schwester und ich wieder arbeiten. Es ist ein blödes Gefühl, dass Mama das jetzt morgen alleine durchmachen muß mit dieser Punktion durch die Bauchdecke. Mir fällt gerade ein, dass sie heute Abend nur die halbe Menge Insulin spritzen soll. Hoffentlich hat sie daran gedacht.

Auf der Arbeit heute hatte ich einen richtigen kleinen Panikanfall. Ich dachte, dass jetzt gleich jemand anrufen würde und würde mir sagen, dass Mama im Sterben liegen würde oder gar schon tot wäre. Ich bin echt am Anschlag. Was bringt der morgige Tag? Sicher hat sie dann wieder große Schmerzen. Mir wird jetzt schon schlecht, wenn ich daran denke.

Mittwoch, 08.10.2003

Heute Morgen sollte die Biopsie gemacht werden. Um 15:45 Uhr wurde Mama dann endlich geholt. Immerhin konnten wir so bei ihr sein.

Das Aufklärungsgespräch wurde mal wieder zwischen Tür und Angel gemacht. Gegen 17 Uhr kam sie zurück. Etwas betüttelt, obwohl sie sagte, dass sie nichts bekommen hätte. Nur der Bauch wurde angeblich betäubt. Sie hat dann bis ca. 18:30 Uhr geschlafen. Ab 19 Uhr durfte sie dann sitzen und essen. Und aufs Klo mußte sie dringend. Also, nach der Schwester klingeln. Niemand kam. Der Oberarzt lief über den Gang und meine Schwester spricht ihn direkt an. Er meinte, alles gut verlaufen und wenn sie sich wohl fühlt, darf sie aufstehen und zur Toilette. Sie hat dann auch ein wenig gegessen und war echt fit. Ich habe in der Kapelle mal wieder eine Kerze angezündet. Diesmal hat sie wohl was gebracht.

Donnerstag, 09.10.2003

Nein, die Kerze hat nichts gebracht. Die ganze Nacht hatte Mama große Schmerzen. Verwirrt ist sie auch noch. Wohl wirklich eine Nebenwirkung von dem Pflaster. Der Oberarzt erklärt uns, dass er noch einmal punktieren muss. Das Gewebe von gestern war nicht vom Tumor.  Er war erstaunt, dass Vater noch nichts von der kurzen Lebenserwartung weiß. Morgen gegen 15 Uhr will er mit ihm und uns reden. Der Ehemann muß es wissen. Ob wir es Mama sagen, ließ er offen. Ich kann nicht mehr.

Samstag, 11.10.2003

Vater hat gestern, bevor wir kamen, wohl mit dem jungen Stationsarzt gesprochen. Und der hat es ihm „umschrieben“ wie es Mama geht. Ich war richtig erleichtert. Wir saßen alle im Zimmer. Mama war kurz vor 14 Uhr zur Punktion geholt worden. Und Vater fing einfach an, davon zu erzählen. Mama kam dann gegen 15 Uhr wieder zurück. Es ging ihr gut. Müde halt. Um kurz nach 16 Uhr hatten wir dann mit dem Oberarzt das Gespräch. Er erklärte noch mal genau von Anfang an. Rückenschmerzen, Gelbsucht, Stends, Tumor gefunden. Und natürlich auch wie es weitergeht.

Die zweite Punktion war wohl besser und wir warteten jetzt auf die Fein-Gewebs-Bestimmung. Dann wird die Chemo angefangen. Für eine geplante Bestrahlungstherapie müßte Mama allerdings in die Uni verlegt werden. Diese soll für die Kreuzschmerzen sein, damit da mal Linderung eintritt. Eine Nebenwirkung davon ist, dass Mama sehr müde davon sein wird. Noch müder? Mama schläft ja so schon die ganze Zeit. Zur Beruhigung bekommt sie zurzeit Haldol-Tropfen. Die machen wohl auch so ein LMAA-Gefühl. Das merkt man finde ich. Zumindest sind wir alle uns einig, auch der Arzt, dass wir alles abbrechen, wenn es Mama schlechter geht. Quälen wollen wir sie auf keinen Fall.

Mir macht einfach die Ungewißheit solche Angst. Wie geht es weiter? Wie lange lebt sie noch? Was kommt noch auf uns zu.

Auch wenn Mama und ich nicht immer ein gutes Verhältnis hatten, ist sie doch ein sehr, sehr wichtiger Mensch in meinem Leben. Sie ist meine Mutter, sie hat mich zur Welt gebracht. Und nun muß ich damit zurechtkommen, dass sie z.b. schon so verwirrt ist, so müde ist. Und auch dass sie sterben muss. Ich wünsche ihr so sehr, dass dieser Level bleibt und dass sie einfach einschläft. Ganz ruhig und friedlich.

Sonntag, 12.10.2003

Heute bin ich etwas später zu Mama ins KH gegangen. Es war so ca. 16:40 Uhr. Gott sei Dank. Mama hätte das messen und spritzen vergessen vor lauter schlafen. Sie war dann relativ fit. Wir sind ein kleines Stück gelaufen, haben uns kurz unterhalten. Dann hat sie etwas gegessen und hat sich wieder hingelegt. Eigentlich wollte sie noch duschen und ich wollte ihr dabei helfen. Aber dann war sie doch zu müde. Morgen wollen wir es aber machen. Sie hofft immer noch, dass morgen die Chemo endlich anfängt. Aber das dauert wohl noch etwas. Morgen muß ich auch noch alles Mögliche für sie beim Diabetikerarzt besorgen.

Montag, 13.10.2003

Als ich gestern Abend bei den Eltern noch die Verpackung vom Insulin holen mußte. (Mama besteht darauf, dass ich diese mitnehme, damit der Arzt weiß, was er verschreiben muß), saß so eine blöde, riesengroße, schwarze Krähe (oder war es ein Rabe) oben auf dem Haus meiner Eltern, genau über dem Küchenfenster. Und dort am Küchenfenster ist der Lieblingsplatz meiner Mutter. Nun meinte meine Mutter früher immer, wenn sich so ein blödes Vieh am Fenster oder überhaupt auf dem Haus niederläßt, dann stirbt da jemand. Oder sprach sie von einer Taube? Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall bin ich tierisch erschrocken.

Heute Nacht bin ich in einem Panikanfall wach geworden. Ich wußte nicht mehr wo ich bin, ob zu Hause oder im Krankenhaus. Ich dachte ich wäre auf dem Besucherstuhl an der Wand eingeschlafen und fand das Licht nicht. Ich mußte mich erst mal sammeln und merkte dann schließlich, dass ich in meinem eigenen Bett lag, dass rechts das Licht ist. Ich hörte meine Mutter rufen, aber ich weiß nicht, ob das noch im Traum war oder danach.

Dienstag, 14.10.2003

Gestern waren wir erst spät bei Mama. Sie war erstaunlich fit und klar im Kopf. Sie war sogar alleine rum gelaufen. Leider konnten wir nicht lange bleiben, da es meiner Schwester nicht gut ging. Beim Diabetikerarzt haben wir leider keine Rezepte bekommen. Wenn der Patient im Krankenhaus liegt, muß das Krankenhaus das alles besorgen. Ich habe die Schwester gebeten mit Mama den Speiseplan durchzugehen. Damit sie wirklich das bekommt, was sie mag. Duschen wollte sie dann gestern Abend nicht mehr. Heute Morgen gehe ich auf jeden Fall hin und dann kann sie duschen.

Mama hat geduscht. Lief echt prima. Meine Schwester hat die Magen-Darm-Grippe und darf die ganze Woche nicht zu Mama. Und der Albtraum geht weiter. Die Befunde sind da. Morgen soll die Chemo anfangen. Der Stationsarzt kam gegen 11:30 Uhr rein und meinte, dass morgen die Chemo beginnt. Die Nebenwirkungen könnten sein: Übelkeit, Haarausfall, und Abfall der weißen Blutkörperchen, dann leider Intensivstation und Quarantäne. ??? Bitte was?

Der Oberarzt hat uns doch gesagt, das mit den weißen Blutdingens wäre nur eine Nebenwirkung der Bestrahlungstherapie und die machen wir nicht. Er wollte doch keine aggressive Chemo machen. Was sollte das jetzt. Und vor allem in was für einem Ton. Mama total aufgeregt, Zucker über 250. Ich kurz vorm Amoklauf. Ich wollte den Oberarzt gleich sprechen, ging aber nicht. Vater kam, ich habe ihm alles erzählt. Er bat die Schwester den Arzt anzurufen. Ich mußte dann eigentlich auf die Arbeit. Ich fuhr aber erst zu meiner Schwester und dann noch zu meinem Bruder um alles zu erzählen. Ich lief wirklich fast Amok. Wenn das alles so kommen sollte, dann holen wir Mama heim. DAS ließe ich nicht zu.
Vater muss ich auch um 17 Uhr anrufen. Vielleicht hat er schon mit dem Oberarzt reden können. Nachher geh ich wieder ins KH.

ICH fühle mich wie in einem Folterraum. Ständig kommt ein Sadist rein und gibt mir eine. Wie muss sich dann Mama erst fühlen? Verdammt noch mal. Wer will uns denn da so prüfen? Das kann doch alles nicht wahr sein.

Der Oberarzt meinte, dass diese Nebenwirkung mit den Blutdingern äußerst selten vorkäme. In der Regel würde die Chemo gut vertragen werden. Morgen früh wird noch mal eine Szintigraphie der Knochen gemacht. Mittags startet dann die Chemo. Er hat eingestanden, dass die „Besprechung“ mit dem Stationsarzt wohl etwas unglücklich gelaufen sei. Er würde morgen aber auf jeden Fall noch mal mit Mama in aller Ruhe reden. Wer’s glaubt.

Das Röhrchen im Gallengang muß noch mal gewechselt werden. Und vielleicht spritzt man ihr dann direkt was in die Bauchspeicheldrüse. Bei der zweiten Punktion war tatsächlich Tumorgewebe dabei.

Ich lief mit Mama, wie so oft, noch ein wenig auf dem Krankenhausflur entlang. Sie hängte sich auf der einen Seite bei mir ein und ich griff mit meiner anderen Hand ihre meist sehr kalte Hand. Mit ihrer anderen Hand hielt sie sich soweit möglich an dem Handlauf an der Wand fest. Sie wollte ihre erste Bettnachbarin besuchen. Diese war wieder zur Chemo da. Wir klopften an, gingen rein und sie freute sich sehr uns zu sehen.
Mama erzählte ihr ganz aufgeregt, dass morgen endlich die Chemo bei ihr anfangen soll. Und dass sie dann vielleicht ab nächster Woche nur noch ambulant hier her muß für die Infusionen. Die Frau meinte aber zur ihr, dass es am Anfang einfach besser wäre, wenn sie über Nacht bleiben würde. Zur Sicherheit. Ich stimmte ihr zu. Mama meinte dann sinngemäß: Meine Töchter kümmern sich schon um alles. Ich kann froh sein, dass ich sie habe. Die Frau stimmte ihr voll und ganz zu. Ich sagte, dass sie sich auf uns alle verlassen kann. Wir sind da.

Wenn mit der Chemo alles glatt läuft, darf Mama dann wahrscheinlich vor dem Wochenende noch heim. Ich habe meine Bedenken geäußert. Vielleicht darf sie ja noch ein wenig bleiben. Hört sich vielleicht doof an, aber ich glaube im Moment ist sie hier am besten aufgehoben. Wenn ich nur an die vielen Treppen denke. Und dann Wochenende. Nein, dann lieber Krankenhaus, so unschön das auch ist.
Die Ärzte erklärten uns, die Nebenwirkungen würden nicht gleich auftreten, sondern erst so nach einer Woche. Oberstes Ziel wäre es, die Patientin nach Hause zu bringen. In die vertraute Umgebung. Ja alles gut und schön. Aber ich kenne unsere Familie. An Wochenenden und Feiertagen ist in solchen Situationen dann immer der Teufel los. Und ich sollte auch Recht behalten. Verdammt.

Das mit der Bestrahlungstherapie haben sie erst mal zurückgestellt. Wobei ich da eh nein gesagt hätte.

Morgen früh bin ich wieder bei Mama. Inzwischen hat sie übrigens 2 Schmerzpflaster auf der Brust kleben. Hoffentlich kann sie schlafen und das ohne Schmerzen.

Mittwoch, 15.10.2003

Mama hatte eine sehr gute Nacht. Als ich gegen 8:20 Uhr ins KH kam, war sie allerdings nicht da. Sie war zur Blutabnahme geholt worden. Kurz drauf kam sie. Gegen 11:20 wurden wir zur Knochen- Szintigraphie in die Nuklearmedizin gerufen. Dort lag sie bis 12 Uhr auf einem Tisch und so ein Teil ist um sie rum gefahren. Durch das Liegen hatte sie dann natürlich wieder Rückenschmerzen. Sie bekam auf Station aber gleich ihre Schmerztropfen. Dann kam das Mittagessen. Dabei kamen die zwei Tabletten gegen Übelkeit mit, die sie heute Mittag vor der Chemo nehmen muss. Vater war inzwischen gekommen und hatte uns schon erwartet. Ich mußte auf die Arbeit. Heute Abend schau ich noch mal rein.

Es ist 17:20 Uhr und ich habe Vater noch nicht erreicht. Ich hoffe, es ist alles OK.

17:40 Uhr. Alles OK. Mama geht es gut. Die Chemo lief nur ne halbe Stunde. Danach ist sie gleich schon wieder mit Vater spazieren gegangen. Und Appetit hatte sie auch. Heute Mittag vor der Chemo mußte sie noch mal zu einer Untersuchung. Wohl ein CT oder so was in der Richtung. Dafür hat sie mit Kugelschreiber ein Kreuz auf den Bauch gemalt bekommen. Jedem zeigte sie das stolz.

Vater war ziemlich euphorisch am Telefon. Ich glaube, er meint immer noch, dass ihr eine lange Zeit bleibt. Was tun?

Mama geht es gut. Habe mich persönlich davon überzeugt. Der Mund ist etwas trocken, aber das hängt wohl mit der Chemo zusammen.

Der Stend wird morgen nicht wie geplant ausgetauscht. Vielleicht am Freitag. Stolz zeigt sie mir ihr Kreuz.

Es ist alles so unfair. Da sitzt sie vor mir, wir reden und lachen und ich weiß, die Zeit läuft mir, läuft uns davon. Warum? Ich kann immer nur fragen Warum? Wir reden und sagen „na wenn das SO bleibt, ist doch super“ Aber es bleibt nicht SO.

Ich werde sie verlieren und kann nichts dagegen tun. Ich kann nur zusehen. Nichts was ich tue oder tun werde, ändert etwas daran. Ich fühle mich oft so ohnmächtig. Dann wieder schiebe ich alles weg und lebe und kämpfe nur für den Augenblick. Kämpfe, dass es ihr jetzt gerade gut geht. Manchmal gelingt das nicht. Ich muß zusehen, wie sie Schmerzen hat. Ich fühle mich schwach, aber auch stark. Mama war immer für mich und meine Familie da. Jetzt versuche ich ein wenig zurück zu geben.

Ich habe sie mit zum Einkaufen genommen, habe stundenlang beim Arzt mit ihr zusammen gewartet. Aber das ist nicht genug gewesen. Warum konnte ich sie vor diesem Tumor nicht beschützen? Wie viel Zeit bleibt uns noch? Ich weiß es nicht.

Donnerstag, 16.10.2003

Mama geht es gut. Sie kommt mir nur wieder so eierisch auf den Beinen vor. Morgen soll wohl der Stend gewechselt werden.

Wir gehen spazieren und wagen uns sogar vor das Gebäude auf eine Bank. Ich habe sie heute gefragt, ob und wie sie damit zu Recht kommt, dass sie weiß, dass sie Krebs hat. Sie meinte, dass sie abends oft weint. Ich habe ihr gesagt, dass sie jederzeit mit mir und uns reden kann. Das mich das alles sehr beschäftigt. Ob sie auch darüber nachdenke, dass der Tumor vielleicht trotz Chemo weiter wächst. Ja, eigentlich schon und dann weint sie heimlich. Aber sie hofft auf die Medizin. Mit Vater redet sie auch über das Thema Krebs. Was genau hat sie mir nicht gesagt.

Ich fragte sie, ob sie sich gerne einen Wunsch erfüllen würde. z.B. in ihre Heimatstadt fahren. Ja, aber im Auto ruckelt es so, das ist unangenehm. Sie konnte sich sogar noch daran erinnern, dass sie sagte, als sie noch so benommen war, unten auf Station 3 A „Hoffentlich kein Krebs“. Sie wusste nur nicht mehr, ob zu mir oder zu meiner Schwester. Vater solle auch seine Gefühle raus lassen habe ich ihr gesagt. Es bringt nichts, alles runter zu schlucken.

Dass ihr Krebs nicht heilbar ist, darüber sind wir uns einig. Sie tätschelte meine Schulter und meinte, ich solle mir darüber jetzt noch keine Gedanken machen. Ich bin aber so Mama, ich muss immer in alle Richtungen denken und alles abchecken. Ich suche einen Schuldigen. Sie hat doch immer nur gearbeitet und war immer nur für andere da. Warum jetzt Krebs?

Immer noch redet sie von Reha. Was ich davon halte. Ich meinte nur, dass ich es nicht wisse, ob sie dahin kommt. Könne ich mir aber nicht vorstellen. Außerdem sagt sie, dass sie jetzt dann an sich denken muß.

Die jetzige Chemo ist eine gut verträgliche. Aber eine Garantie gibt es darauf nicht. Die Knochen- Szintigraphie wird für die eventuelle Bestrahlungstherapie gebraucht. Aber der Bestrahlungsarzt aus der Uni soll ein ziemlicher Axxxx sein. Aber ich bin ja eh gegen diese Therapie.

Samstag, 18.10.2003

Mama ist gestern entlassen worden. Donnerstagabend fiel diese Bemerkung einfach so in den Raum. Mein Bruder war noch bei Mama. Ich rief ihn abends an und fragte, ob der Stend dann endlich morgen (Freitag) gewechselt wird. Nein, sie dürfe nach Hause. Bitte???

Also bin ich gestern Morgen gleich ins KH gefahren. War um 8 Uhr da und lief dem Stationsarzt direkt über den Weg. „Stimmt es, dass Mama heute heim darf?“ Ja. Leider haben die in der Endoskopie heute keinen Termin mehr frei für den Wechsel des Stends. Deshalb lasse man sie heim. Tja, das trifft uns alles sehr unvorbereitet. Schließlich müssen wir doch ein paar Vorbereitungen treffen. z.B. Hausarzt benachrichtigen, welche Schmerzmittel, müssen die bestellt werden? Und dann die vielen Treppen. Ohje. Ja, er könnte sie auch noch bis Samstag hier lassen, wenn das unser Wunsch wäre. Samstag bringt uns auch nichts. OK dann also nach Hause.

Habe Vater aus dem Bett geklingelt, alles erklärt. Sobald am Wochenende irgendwas komisch ist, kommt sie sofort wieder ins KH. Ansonsten solle sie sich Mittwoch wieder melden für die nächste Chemo.

Gegen 10:30 Uhr war Vater da. Mama saß die ganze Zeit schon auf heißen Kohlen, hatte sogar schon alles am Vorabend gepackt. Sie wollte nach Hause. Aber der Brief ließ noch auf sich warten.

Im Nachhinein fiel mir auf, wie fit sie in diesem Moment war. Wenn mir da jemand gesagt hätte, dass diese Frau todkrank ist, ich hätte es nicht geglaubt. Aber ich habe auch schon oft gehört, dass die Menschen noch mal alle Kraft zusammen nehmen und noch mal richtig aufblühen. Ich musste gehen.

Erst kurz nach 13 Uhr rief Vater an und sagte, dass sie nun daheim wären. Ein Rezept für das Pflaster hätten sie auch schon. Montagmorgen muss Mama zur Blutabnahme zu ihm und die Ergebnisse müssen dann in die Klinik gefaxt werden. Ich bin abends zu Mama und habe ihr noch stilles Wasser gebracht. Sie machte einen guten Eindruck. Sie hatte wieder lange geschlafen. Hatte Pellkartoffeln und Quark gegessen.

Meine Schwester rief mich eben an. Sie hat Mama einige Tage nicht gesehen und war total geschockt, wie eingefallen sie aussieht. Mama hätte ihre Schürze angehabt und auf ihrem Gartenstuhl gesessen. Und sie war alleine zu Hause. Wo war Vater? Oh man. Sie sähe aus, wie unsere Oma früher. Außerdem erzählte sie mir, dass sie gestern mit Mama telefoniert hätte und plötzlich hätte Mama mitten im Gespräch den Hörer neben sich gelegt. Und Mama entschuldigte sich und meinte, sie wäre etwas verwirrt.

Heute Mittag gehe ich zu ihr, vielleicht können wir ja spazieren gehen. Aber nachdem sie sich jetzt noch nicht mal mehr ins Bett legt zum schlafen, sondern auf dem komischen Stuhl im Sitzen schläft, denke ich das irgendwas nicht stimmt.

Sonntag, 19.10.2003

Mama geht es nicht gut. Sie hat gestern so gut wie nichts gegessen, obwohl sie doch nicht abnehmen darf. Sie ist extrem verwirrt und wieder total müde. Als ich gestern kam, kam sie gerade aus dem Bad. Vorher hatte sie wohl die ganze Zeit geschlafen. Sie hatte keine Hose an und meine Schwester fragte sie, welche sie anziehen möchte und wo die sei. Mama kapierte es nicht und es dauerte, bis sie begriff, was wir wollten. Später, so gegen 17 Uhr hat sie sich dann noch mal den Zucker gemessen. 99. Dafür muß sie sich 4 Einheiten Insulin spritzen. Da wollte sie an dem Pen 99 Einheiten einstellen.

Durch ein Gespräch, dass sie mit ihrer Freundin am Telefon führte, erfuhren wir, dass sie morgens, als Vater auf dem Flohmarkt war, nicht aus ihrem Stuhl hochkam, ums ans Telefon zu gehen. Vater war darüber sehr geschockt und läßt sie jetzt nicht mehr allein. Für nachts müssen wir uns unbedingt was überlegen. Vater hat geäußert, dass er dann eben seinen Job aufgibt, in den Vorruhestand geht.
Aber vielleicht kann er sich ja erst mal freistellen lassen. Vater hat gegenüber dem Lebenspartner meiner Schwester geäußert, dass es keine Hoffnung mehr für Mama gibt. Er hat wohl noch mal mit dem Oberarzt geredet, als wir nicht dabei waren. Nur bis ans nächste Frühjahr denkt er. Uns soll er davon nichts sagen.

Mein Sohn war gestern noch mal mit bei Mama, aber die Belastung ist für alle einfach zu groß.

Gegen 10 Uhr waren wir bei Mama. Vater winkte schon ab, als wir die Wohnung betraten. Mama hatte sich nach einem Bissen Brot direkt übergeben. Da sie sehr warm war, habe ich mein Thermometer geholt. Temperatur war aber normal. Die ganze Sache gefiel mir aber trotzdem nicht und nachdem sie dann auch noch freiwillig!!! nach ihren Schmerztropfen verlangte, machte ich Vater den Vorschlag, dass ich ins KH fahre und mit den Ärzten rede. Er war einverstanden. Mama erzählten wir, dass ich für Vater Eis holen würde. Sie sagte nur „Nichts schlimmes machen“. Nein, nichts schlimmes. Wir wollten sie zu diesem Zeitpunkt nicht beunruhigen. Weil wenn der Zustand „normal“ wäre, würden sie sie ja vielleicht gar nicht aufnehmen im KH. Gegen 11 Uhr traf ich im KH ein, erst auf Station, dann schickte man mich in die Notaufnahme. Dort konnte ich mit beiden Ärzten reden. Sie stimmten mir zu und sagten, wir sollen Mama zurück ins Krankenhaus bringen.

Da Mama sehr wackelig auf den Beinen war, habe ich einen Rettungswagen gerufen. Sie wurde mit einem Stuhl die vielen Treppen runter getragen und dann auf die Bahre gelegt und ins KH gefahren. Das war kurz nach 12 Uhr. Meine Schwester durfte vorne mitfahren.

Mama kam in die Notaufnahme. Ultraschall wurde gemacht. Dabei wurde entdeckt, dass der Gallengang gestaut ist und die Gallenblase sich entzündet hat. Sie bekam erst mal Antibiotika. Später sollte dann der Stend im Gallengang gewechselt werden. Gegen 17 war es endlich soweit, zumindest wurde sie in den Raum gebracht, wo der Eingriff stattfinden sollte. Ich hatte Mama die ganze Zeit nicht gesehen, in die Notaufnahme darf ja niemand rein. Aber die Ärzte gaben uns immerhin immer freiwillig Auskunft.

Nun war ich also in diesem Warteraum vor dem Behandlungsraum. Mein Vater und meine zwei Geschwister verschwanden plötzlich durch die Tür Nr. 14 und ich saß mit dem Gepäck und Handtaschen da und wurde ganz nervös. Schließlich hielt ich es auch nicht mehr aus und ging durch die Tür und stand mitten in diesem Mini-OP. Die Schwester ließ uns noch eine Weile bei ihr sein, dann durfte nur noch einer bei Mama bleiben. Vater entschied, dass ich das sein sollte. Er selbst mußte auf die Arbeit. So durfte ich noch eine Weile bei ihr sein. Ich schaute der Schwester zu, die den Schlauch mit der Kamera vorbereitete und da rum wuselte. Ich redete mit Mama, versuchte sie zu beruhigen. Ihr Puls war hoch und sie war sehr aufgeregt. Immer noch hatte sie einen sehr trockenen Mund. Ich hätte bei dem Eingriff auch zusehen können. Aber das hätte ich nicht geschafft.

Heute weiß ich, dass das die letzten Minuten mit meiner Mama waren, wo sie noch halbwegs klar und bei sich war. Sie redete da zwar auch etwas von „Weihnachten bekommen die Sanitäter aber was von uns“, aber sie war zu diesem Zeitpunkt noch „Meine Mama“.

Irgendwann nach diesem Zeitpunkt hatte sie einen Schlaganfall.

Kurz vor 18 Uhr kam Mama wieder zurück in die Notaufnahme. Der Oberarzt persönlich schob ihr Bett zurück. Wir hinterher, bis zur Tür der Notaufnahme. Der Arzt kam zu uns, hatte Bilder dabei. Er versetzte uns den nächsten Schock. Der Tumor war bereits in den Zwölffingerdarm durchgebrochen. Wenn er sich noch ein Stück weiterschiebt, kommt es zu inneren Blutungen. Mama würde dann Blut erbrechen und würde innerhalb weniger Stunden verbluten und sterben.

Unserem Vater haben wir an diesem Sonntagabend davon nichts gesagt. Wir waren so geschockt. Keiner von uns hätte es tun können.

Gegen 19:30 Uhr kam ein Pfleger mit einem Bett und wir durften zusammen mit dem Bettenaufzug in den siebten Stock fahren. Mama kam in Zimmer 728. Eine alte Dame lag schon darin. Kaum war die Krankenschwester raus aus dem Zimmer, fing diese alte Kuh an zu meckern. Über uns!!!. Wir saßen bzw. standen nur an Mamas Bett. Haben kein Wort gesagt. Und diese alte Tussie regt sich auf. Über meinen Bruder meinte sie plötzlich:“ Das ist doch keine Männerstation. Was hat ein Mann auf der Frauenstation zu suchen“ und ständig solche Bemerkungen in unsere Richtung.

Mama wurde es übel und ich bin raus aus dem Zimmer um der Schwester Bescheid zu geben. Dabei habe ich sie gebeten, Mama in ein anderes Zimmer umzulegen. Vor mir aus auch auf den Flur. Ich war einfach fertig. Ich habe rumgeheult, völlig am Ende. Es blieb uns nur noch wenig Zeit mit Mama und die würde ich garantiert nicht mit so ner Kuh in einem Zimmer verbringen. Meine Geschwister waren derselben Meinung. Nach einigem hin und her, wurde Mama in ein anderes Zimmer verlegt. Zimmer 736.
Die Schwester schimpfte dann noch mit dieser Kuh, aber die tat so als wäre sie ganz unschuldig. Durch die Verlegung wechselte auch der Stationsarzt.

Jetzt im Nachhinein sehe ich das Zusammentreffen mit dieser unangenehmen Patientin als einen positiven Zufall. Denn wenn Mama in diesem Zimmer geblieben wäre, hätte die junge Stationsärztin die Betreuung nicht übernommen. Und sie war es schließlich, die sich für uns später total eingesetzt hat, damit Mama ein Bett im Hospiz bekommt. Dafür bin ich ihr bis an mein Lebensende dankbar.

Ich sah Mama, wie sie heute morgen in ihrem Bett lag. Zu Hause. Vater hat sie immer versucht etwas zu foppen. Er meinte es nicht böse. Aber Mama hat das veräppeln nicht verstanden, schimpfte mit ihm, über ihn und schickte ihn raus. Er ging natürlich nicht, wollte sie doch nur aufheitern. Mama zog sich dann die Decke über den Kopf und weinte. Wie ein kleines Kind. So hilflos, so verletzlich. Als ich ihr mitteilte, dass wir sie jetzt wieder ins Krankenhaus bringen, weil wir uns große Sorgen um sie machten, weinte sie auch. Aber sie kam meinem Wunsch nach, sich mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus bringen zu lassen.

Später erzählte mir mein zweitältester Bruder, dass Mama sich bei ihm und uns dafür entschuldigt hat, dass es ihr jetzt so schlecht geht und sie uns jetzt so viele Umstände macht. Wir konnten das echt nicht fassen. Da liegt Sie mit unerträglichen Schmerzen und denkt wieder nur an uns.

Ein Monat ist es her, seit diesem verdammten Freitag. Der Tag der ersten Einweisung ins Krankenhaus. Der Tag, der Diagnose: KREBS.

Der Oberarzt meinte noch, dass das mit dem Verbluten noch eine Gnade für Mama sei.

Ich bin völlig am Boden.

Montag, 20.10.2003

Mama geht es sehr schlecht. Sie ist kaum ansprechbar. Die linke Körperhälfte ist beeinträchtigt. Sie kann nicht mehr räumlich sehen. Sie greift ins Leere, wenn sie z.B. an den Haltegriff greifen will.

Die Ärzte sagen uns ganz klar, wenn wir sie gestern nicht hierher gebracht hätten und er hätte den Stend nicht ausgetauscht, hätte sie den Tag heute nicht überlebt. Aber auch so reden wir nur noch von Tagen. Mama atmet ganz schwer und langsam. Er teilt uns seinen Verdacht wegen dem Schlaganfall mit. Dieser Tumor in Mama ist so aggressiv, Sie gehört leider zu den wenigen Patienten, wo es so rasend schnell geht. Mama bringt die ganze Statistik durcheinander, sie zieht die Durchschnitts-Lebenserwartung extrem nach unten. Nein, nicht sie persönlich, aber sie als Patientin. Wir sind alle total fertig. Mein Bruder hat ganz bitterlich geweint. Ich bin mit ihm in die Kapelle und wir haben zusammen 6 Kerzen angezündet. Für jeden von uns eine. Ich selbst bin auch an meiner Grenze. Mamas schmerzverzerrtes Gesicht, ihre Hilflosigkeit, nicht mehr richtig reden können, aufstöhnen.

Mama hat einen Blasenkatheder bekommen. Ihre Hände und Arme sind ganz geschwollen. Wasser hat sich eingelagert. Trotzdem bekommt sie noch Flüssigkeit über die Infusion. Im Körper selbst sind wohl auch schon einige Blutgerinnsel. Es sieht wirklich sehr, sehr schlecht aus. Wir hinterlassen noch mal unsere Nummern für die Nacht.
Wenn heute Nacht das Telefon klingelt, ist das das Ende.

Es soll dann möglich sein, Mama in ein Einzelzimmer zu legen, wo wir dann bei ihr sein können.

Unser ältester Bruder war auch noch da. Er meint, wir müßten das alles mit mehr Abstand sehen.

Ich habe Angst vor dieser Nacht.

Später als erlaubt, verlassen wir das Krankenhaus.

Dienstag, 21.10.2003

Es ist jetzt 6:48 Uhr. Das Telefon hat bis jetzt nicht geklingelt. Aber die Nacht war trotzdem eine Qual für mich. Ich hatte Schüttelfrost, ständig ein Ohr am Telefon. Das lag neben mir auf dem Boden. Teilweise war es nur eine Art Dämmerschlaf. Beim kleinsten Geräusch war ich wach. Und immer wieder die Gedanken. Wie geht es Mama? Ist sie wach? Was passiert?

Mein Bruder will heute Morgen ins Krankenhaus fahren. Er möchte sehen, wie es ihr geht. Sehen, ob sie noch schlechter aussieht als gestern. Oder besser? Er will dann anrufen. Arme Mama, hoffentlich spürt sie, dass wir alle da sind, dass wir alle an sie denken, auch wenn wir gerade mal nicht an ihrem Bett sitzen.

Vater ist total fertig. Er hatte doch noch soviel Hoffnung. Er wollte so stark sein, ich glaube nur für uns.
Aber die Wahrheit klatscht uns ins Gesicht und wir können nichts tun. Wir müssen das alles annehmen, sonst zerbrechen wir daran. Kämpfen hat keinen Sinn mehr. Alles ist verloren. Es ist so schwer, tut so weh. Wir wollen sie doch alle noch nicht loslassen. Aber es wäre das Beste für Mama. Keine Schmerzen mehr für dich Mama, keine Qual. Aber ist das normal? Wir wünschen einem Menschen, den wir alle sehr lieben den Tod? Sind wir noch ganz klar im Kopf? Und doch ist es das Gnädigste, was geschehen kann.
Aber hat nicht doch jeder von uns in sich ganz tief drin ein klitzekleines Fünkchen Hoffnung. Obwohl ja alles dagegen spricht. Mama kann es nicht schaffen. Und doch…

Mama, hab keine Angst, laß dich fallen, du wirst von guten Engeln aufgefangen. Sie werden dich schützen und dich aufnehmen in ihren Kreis. Dann wirst auch du ein Schutzengel für uns sein, ein Behüter über uns alle. Du wirst in uns allen weiterleben. Du hast dein Leben lang gearbeitet, warst hauptsächlich immer für andere und natürlich für uns da. Selbst in Augenblicken deiner größten Qual, hast du dir immer nur Gedanken um deine Mitmenschen gemacht. Jetzt ist wohl deine Zeit der Ruhe gekommen. Nehmen wir es an, auch wenn es uns zerreißt, lassen wir es geschehen, auch wenn wir glauben unseren Verstand zu verlieren. Vielleicht brauchen unsere verstorbenen Lieben dich jetzt wirklich als Verstärkung in ihrem Team. Schließlich werden deine Enkelkinder größer und auch wir brauchen vielleicht einen Schutzengel mehr in Zukunft.

Zu meiner Schwester hat sie am Sonntag gesagt: „Ihr seid alle Engel. Aber die Enkel sind so allein.“ Nein Mama, sie sind nicht allein. Niemand wird alleine sein, wenn er es nicht will. Wir sind eine Familie. Du wirst bei uns sein, also sind wir nicht allein. Und jeder von uns wird immer ein Teil von unserer Familie sein. Egal, ob er mit in der Runde sitzt oder „nur“ in den Herzen von uns allen dabei ist.

Mama, laß deine Seele fliegen. Gib ihr die Freiheit. Beginne etwas Neues. Du wirst immer bei uns sein. Ich danke dir Mama. Ich liebe Dich Mama.

Gegen 10 Uhr heute morgen rief mich meine Schwester auf der Arbeit auf meinem Handy an. Sie weinte und sagte, dass es Mama schlechter ginge. Unser Vater und unser Bruder waren schon im Krankenhaus. Wir machten uns auch beide sofort auf den Weg. Vor dem Eingang trafen wir uns. Was würde uns erwarten? Lebte sie überhaupt noch? War sie noch in Ihrem Zimmer?

Während der Fahrt im Auto betete ich zu ihr. „Laß deine Seele fliegen. Über den Regenwolken scheint für dich die Sonne“. Ich mußte weinen.
Mama war noch in Ihrem Zimmer. Sie war genauso apathisch wie gestern. Vater weinte.

Nachdem die Schwester Mama etwas frisch gemacht hatte, holte sie eine Kollegin und sie setzten Mama in einen Rollstuhl. Damit sie etwas „hochkommt“. ??? Verstanden habe ich das nicht. Vater schob Mama Richtung Flur und mein Bruder und ich standen draußen auf dem Flur und wir sahen Mama mit einem großen fetten Grinsen auf dem Gesicht.
Anscheint bekam sie doch noch etwas mehr mit, als wir eben noch dachten, als sie so völlig teilnahmslos in ihrem Bett lag.

Aber leider…, Mama saß noch keine Minute im Rollstuhl, da musste sie sich übergeben. Hektisch wurden Brechschalen gesucht, ein Pulk von Schwestern und Pflegern stand da auf einmal. Ich sah aus dem Augenwinkel nur die dunkelrote Farbe des Erbrochenen und hört Vater fragen: “Was erbricht sie denn da?“ Blut.

Ich schnappte die Krankenschwester am Arm. „Sie bricht Blut“. Oh mein Gott. Ist es das jetzt? Passiert es jetzt? Ich war völlig kopflos und kurz vorm überschnappen. Holte Waschlappen und Handtuch, oder war das schon vorher? Wie gerne wäre ich weggerannt. Panik, das war reine Panik.

Mama durfte wieder zurück in ihr Bett. Die Stationsärztin wurde gerufen. Sie war jetzt für Mama zuständig, da sie ja das Zimmer und die Seite der Station gewechselt hatte. Die Schale mit dem Erbrochenen hatte die Putzfrau inzwischen entsorgt. Es wurde wieder raus geholt. Geronnenes Blut.

Sie nahm uns mit ins Ärztezimmer und sprach mit uns. Sie kannte Mama ja nur von den Visiten, aber sie war erschüttert über den Verfall in dieser kurzen Zeit. Das Blut kam wohl von der Schleimhaut im Zwölffingerdarm. Also nicht der befürchtete Durchbruch.

Leider war im ganzen Krankenhaus kein Einzelzimmer frei, wie es uns ja eigentlich versprochen worden war. Und so kam das Hospiz ins Gespräch. Sie hielt das für eine sehr gute Lösung und auch Vater war damit einverstanden. Wir selbst hatten uns ja schon mit dem Thema auseinandergesetzt. Sie wollte Kontakt mir dem Hospiz aufnehmen und uns dann Bescheid geben. Erst hieß es, vielleicht Mittwoch oder Donnerstag. Oh nein. Würde Mama bis dahin noch leben? Die Hektik auf der Station wurde unerträglich. Fensterputzer wollten rein, die Patienten neben Mama bekam Besuch. Schließlich bekamen wir eine Fast-Zusage für heute.

Und schließlich die Bestätigung. Ja, heute 15 Uhr kommt ein Rettungswagen und bringt Mama ins Hospiz. Meine Schwester erklärte Mama, dass wir sie jetzt in ein sehr schönes Haus bringen würden. Mama machte gleich anstalten zu gehen. Also verstand sie uns noch. Meinen Bruder hat sie am Morgen nicht erkannt. Sie dachte er wäre ein Arzt.

Mama bekam um 12 Uhr ihr ganz normales Essen. Vorher wurde sogar noch Blutzucker gemessen und Insulin gespritzt. Aber Mama kann nicht mehr schlucken. Nach dem zweiten Löffel Suppe muß sie sich beinah übergeben. Am Morgen hatte Mama wohl Lust auf ein Hörnchen. Sie bekam es auch, konnte aber da bereits nicht mehr schlucken.

Als ich mit meinem Bruder noch mal Nachschub am Kaffeeautomat hole, sehe ich, dass die erste Bettnachbarin von Mama hier auf Station jetzt wieder da ist und eine weitere Chemo bekommt. Ihr Mann geht an mir vorbei, erkennt mich, ich kann nicht ausweichen.
Ich begrüße beide, sie fragen natürlich nach Mama. Ich sage ihnen, dass Mama sterben wird. Sie waren beide total schockiert und können es nicht fassen. Mir fehlen eigentlich auch die Worte. Ich wünsche ihr und ihrem Mann alles erdenklich Gute.

Pünktlich kam der Transport. Mein Bruder durfte bei Mama mitfahren. Wir anderen im Auto hinterher.

Mama atmet sehr schwer und die Pausen dazwischen sind teilweise sehr lang. Sie stöhnt auf, reißt die Augen auf.

Wir sind da, Mama.

Das Zimmer im Hospiz hat die Nr. 3 und eine Rose als Bild. Vor den Fenstern sind Rosen gepflanzt. Mama wird von der Bahre in das Bett umgelagert. Sie hat wohl wieder Schmerzen. Es dauert lange, bis sie wieder „ihre“ Stellung gefunden hat. Sie möchte sich so gerne auf die linke Seite legen. Da konnte sie bisher immer so super liegen. Es geht aber nicht. Sie bekommt schließlich eine Spritze gegen die Schmerzen. Denn das ist immer noch unser aller Wunsch: KEINE SCHMERZEN.

Wir sehen uns etwas im Hospiz um. Es ist wunderschön hier. Eine Terrasse mit einem Teich davor. Ein Wohnzimmer, ein Eßzimmer und eine Küche. Insgesamt sind es acht Zimmer, in denen Schwerstkranke und Sterbende Menschen leben. Sehr liebe Menschen hier, wir wurden herzlich begrüßt, auch Mama, so richtig als Mensch wird sie hier behandelt. Wir bekommen gleich Kaffee und Tee gebracht.

Meine Schwester und ich sind gegen 17 Uhr heimgefahren. Duschen und Sachen für die Nacht holen. Wir dürfen hier bleiben und wollen das auch. Unser ältester Bruder ist inzwischen auch gekommen. Als wir wieder kommen, wollen die Männer kurz nach Hause. Kaum sind sie die Tür draußen, kommt der betreuende Arzt aus der Nachbarschaft des Hospizes herein. Der Hospizarzt selbst hatte kurz nach unserem Eintreffen Mama untersucht und ihm kurz Bescheid gegeben. Alle kommen wieder in das Zimmer zurück und wir unterhalten uns mit dem Arzt. Das Pflaster komme auf jeden Fall weg, dafür bekomme sie eine direkte Infusion unter die Haut und bei Bedarf noch mal extra eine Spritze. Außerdem bekommt Mama zur Beruhigung bei Bedarf Dormicum, ein Valiumpräparat gespritzt. Wir wissen ja nicht, wieviel Mama wirklich noch mitbekommt. Auch wenn ihre Aussagen für uns teilweise unverständlich sind, fehlen ihr vielleicht nur die richtigen Worte. Und Angst haben wegen der ganzen Situation soll Mama auch nicht haben. Dann lieber Wolke 7 Gefühl, oder wie der Arzt gesagt hat: LMAA-Gefühl. Damit sie sich nicht so anspannt. Deswegen Dormicum. Gut so. Denn Mama hat schwer zu kämpfen. Wir wollen es ihr so leicht wie möglich machen. Die Infusionen aus dem Krankenhaus kommen weg.

Jetzt sitzen meine Schwester und ich in diesem sehr schönen Zimmer. Mama schläft. Bei jeder längeren Atempause, bleibt uns fast das Herz stehen.

Die evangelische Seelsorgerin hat uns besucht und hat Mama gesegnet. Wir denken, es war in Mamas Sinne. Auch wenn Gott in unserer Familie nie eine große Rollte gespielt hat, so denke ich doch, dass jeder von uns an so eine Art „Gott“ glaubt.

Ob Mama die Nacht überleben wird?

Mittwoch, 22.10.2003

Mama hat es noch nicht geschafft. Sie kämpft noch sehr. Heute Nacht gegen 2:45 Uhr schreckte sie auf und war sehr unruhig. Sie wollte sich auf die Seite drehen. Zusammen mit der Nachtschwester versuchten wir es. Aber es gelang uns nicht. Sie bekam eine weitere Spritze mit Schmerz- und Beruhigungsmittel. Bis ca. 7:30 Uhr schlief sie dann weiter.

Vater bekam gestern Abend ein Bett für hier ins Zimmer. Meine Schwester und ich machten es uns auf Stühlen gemütlich, soweit das halt ging. Unsere Eltern schnarchten um die Wette. 1 zu 0 für Mama, Sie konnte es lauter. Die Nachtschwester brachte uns später noch ein Klappbett und einen Sitz-Liegestuhl. Leider rutschte ich auf diesem nur hin und her. Schließlich legte ich mich mit ein paar Decken auf den Boden.

Als Mama dann so unruhig wurde, setzte Vater sich an ihr Bett. Ich durfte mich dann ein wenig auf das Klappbett legen. Meine Schwester ist dann am Morgen durch das Weinen von Vater aufgewacht. Ein schwerer Gang für uns alle.

Im Moment liegt Mama auf der rechten Seite. Die Schwester hat es geschafft sie richtig zu betten. Aber Mama ist total verkrampft. Der rechte Arm ließ sich beim Umbetten kaum bewegen. Womöglich noch ein Schlaganfall.

Mama kann jetzt kein verständliches Wort mehr äußern. Sie stöhnt nur noch. Manchmal reißt sie wieder die Augen auf. Voller Panik?

Wir reden ihr gut zu und hoffen, dass es bei ihr ankommt.

Dieses Haus hier ist so wunderschön. Und es gibt mir ein Gefühl der Inneren Ruhe, dass wir mit Mama hier sein dürfen.

Bei jeder längeren Atempause denkt man: JETZT? Und doch hoffte man, dass sie wieder Luft holt. Das Loslassen ist so schwer.

Gurgelnde Geräusche dringen aus dem geöffneten Mund. Flüssigkeit in der Lunge? Nein später erklärt der Arzt meiner Schwester das wäre wie wenn man nicht abhusten kann, dass sammelt sich dann halt in den Bronchien. Eine Spritze soll Mama sich etwas entspannen lassen. Später sollte Mama dieses Dormicum auch auf Dauerinfusion bekommen.

Donnerstag, 23.10.2003

Um 16:36 Uhr hat Mama den Schritt über die Brücke geschafft. Im Beisein von mir und meinem Vater ist sie sanft und friedvoll und vor allem mit Würde hinüber gegangen. Endlich Frieden für dich Mama. Wir lieben Dich.

Mama hatte wohl eine sehr unruhige Nacht gehabt. Ich selbst habe das nicht so empfunden. Wir hatten von der Nachtschwester tatsächlich noch ein drittes Klappbett bekommen. Um Mama selbst nicht wieder unnötig hin und her zu schieben, schob ich mein Bett kurzerhand in das geräumige Bad. Von dort aus konnte ich im Liegen genau zu Mama sehen.

Vater war sehr unruhig, wälzte sich hin und her und schnarchte. Das bekam ich mit, er lag ja direkt vor mir. Einmal wurde ich geweckt vom Piepsen des Gerätes für die Infusion. Ansonsten erinnere ich mich an fast nichts. Doch, Vater setzte sich noch mal neben Mama ans Bett. Ihm ging es aber nicht gut und er mußte sich wieder hinlegen. Er brummelte noch etwas, als er sah, wo ich schlief. Ist OK Vater.

Für meine Schwester war das Unruhige von Mama und das Schnarchen von Vater wie eine Art Kommunikation zwischen den beiden. Sie lag halt auch genau zwischen den beiden. Kurz nach 7 Uhr kam schon unser zweitältester Bruder. Meine Schwester hatte in der Nacht oft überlegt, ob sie ihn anrufen soll. Entschied sich aber dagegen.

Vater ging es wirklich nicht gut. Ich sagte einer Schwester Bescheid und sie versprach bei ihm mal den Blutdruck zu messen und den Hospizarzt rein zu schicken, wenn er ins Haus käme. Blutdruck war dann aber OK. Zu der Schwester meine er, er würde irgendwie neben sich stehen. Er quälte sich noch ein wenig rum. Gegen 10 Uhr bat er meinen Bruder, ihn mal kurz nach Hause zu fahren.

Meine Schwester und ich sorgten für Kaffee- und Teenachschub. Wir trafen zwei Schwestern in der Küche und unterhielten uns mit ihnen. Wir äußerten unsere Vermutung, dass Mama vielleicht mit irgendwas noch nicht abgeschlossen hat. Die Schwestern erzählten uns von einem Gast. Die Angehörigen waren nur mal kurz nach Hause gefahren, sonst waren sie immer da. Die Krankenschwester selbst saß auch lange noch am Bett. Als sie diese dann anrufen ging, weil sie merkte, dass es schlechter um den Gast stand, entschloß sich dieser in diesem Moment zu gehen. Alleine, so wie er es wahrscheinlich wollte. Und eine Frau, die im selben Zimmer lag wie jetzt Mama. Der Sohn hielt auch Tag und Nacht Wache. Erst als er vor Erschöpfung auf dem Bett neben seiner Mutter einschlief, entschied sie sich zu gehen. Die Krankenschwester mußte ihn dann morgens wecken und ihm mitteilen, dass seine Mama gestorben war.

Ganz leise kamen in mir die Gedanken auf, dass ich Mama vielleicht aufhielt. Mama wußte ja, dass ich einiges nicht so ertragen konnte, z.b. wenn jemand sich übergibt. Außerdem hatte ich wahnsinnige Angst, dass sie in der Nacht sterben würde. Die Nächte sind so dunkel und manchmal unheimlich, alles ist so seltsam still. Und tief in meinem Innern wollte ich sie nicht gehen lassen.

Spürte sie das? Wollte sie mich schonen? Ich entschloss mich mittags nach Hause zu fahren. Vielleicht gab es eine Chance. Ich verabschiedete mich und sagte zur ihr: „Ich fahre jetzt nach Hause um zu duschen und nach meiner Familie zu sehen. Ich bin bald wieder da“. Damit wollte ich ihr ein Zeichen geben. Welches weiß ich nicht. Mein Vater und mein Bruder waren inzwischen wieder zurück.

Zu Hause angekommen wurde ich schon wieder unruhig. Ich zwang mich aber die Waschmaschine noch abzuwarten. Diese lief bis 14:15 Uhr. Dann zwang ich mich regelrecht noch eine Kurzwäsche anzustellen. Ich setzte mich auf die Couch. Die Augen wurden mir schwer. Sollte ich nicht doch jetzt fahren. Nein, warten, sind nur noch 25 Minuten.

Dann ging mein Handy. Ich wußte Bescheid. Mein Bruder war dran, ich solle kommen. Meine Schwester rief mich auch noch mal an, ich fragte, was die Anzeichen wären. Die Füße würden Blau werden. Vater sei jetzt alleine bei ihr, um sich zu verabschieden.

Ich kam an, betrat das Zimmer. Mama atmete ganz flach und kurz, aber regelmäßig. Dabei bewegte sich ihr ganzer Kopf, es sah aus als schnappte sie nach Luft. Aber sie sah entspannt aus.
Mit der Zeit wurden auch die Finger blau und kalt.

Meinem Bruder machte es zu schaffen, dass Mamas Kopf beim Atmen so ruckte. Die Schwester erklärte uns aber, dass Mama ganz entspannt sei und das wäre jetzt wie, wenn wir einen Gipfel erklommen hätten, da müßten wir ja auch nach Luft japsen. Und Mama hatte ja schon einen weiten Weg hinter sich. Dann war es OK für ihn.

Ich besorgte in der Küche noch mal Kaffee für Vater. Eine ehrenamtliche Helferin begrüßte mich und fragte: „Hat ihr Schützling schon was zu Essen bekommen?“. Ich antwortete: „Meine Mama stirbt gerade“. (Dämliche Formulierung, aber so habe ich es gesagt) Sie nahm mich in den Arm und tröstete mich.

Wir redeten mit Mama. Sie solle ruhig und langsam weitergehen. Die Tür wäre nicht mehr weit. Dann überlegten wir, dass sie wohl schon einige liebe Verstorbene getroffen hat und sich jetzt mit diesen noch unterhält. Oder das sie den Schlüssel noch nicht gefunden hat, um die Tür nach drüben zu öffnen.

Schade, dass sie uns nicht mehr sagen konnte, was sie spürt, was sie sieht, ob es ihr hilft, dass wir da sind, dass wir ihr zureden. Wie gerne wüßte ich das.

Kurz vor halb fünf beschlossen meine beiden Geschwister mal an die Luft zu gehen. Vater wollte sich anschließen. Da meine Schwester aber wußte, das ich Angst hatte mit Mama im Moment des Gehens alleine zu sein, fragte sie mich, ob das OK sei, wenn sie jetzt alle raus gingen, ansonsten würden sie bleiben. Ich sagte ehrlich, dass es mir lieber wäre, wenn jemand bei uns bleiben würde. Vater sagte OK und setzte sich an Mamas linke Seite, dorthin, wohin auch ihr Kopf gerichtet war. Die ganze Zeit saß er an ihrer rechten Seite. Dorthin hatte ich mich jetzt gesetzt. Meine Geschwister gingen nach draußen.

Vater nahm Mamas Hand an seine Wange, streichelte ihr Haar und sagte: “Komm, geh weiter, geh ins Ziel“. So hatte ich meinen Vater noch nie erlebt.

Auf einmal öffnete Mama die Augen, sah ihn an. Ich konnte es nicht fassen. Sie war noch da, hier in diesem Zimmer. Sie musste spüren, dass er da war. Vater sagte: „Ja, guck dir deinen Alten noch mal an. Und jetzt geh ins Ziel“. Mama schnaufte noch einmal. Dann hatte sie es geschafft.

Vater und ich sagten das fast gleichzeitig: „Sie hat es geschafft“. Vater weinte.
Ich küsste Mama auf die rechte Wange und flüsterte: „Danke für alles“. Dann schickte mich Vater die anderen zwei holen. Mein Kopf war völlig leer. Ich war total verwirrt, auf der einen Seite total erleichtert, dass Mama endlich erlöst war – auf der anderen Seite unendlich traurig, dass sie nun für immer an einem besseren Ort ist.

Ich lief einer Schwester in die Arme, suchte doch meine Geschwister. Auf der Terrasse waren sie aber nicht. Ich muß wohl ziemlich wuschig gewesen sein. Die Schwester beruhigte mich, nahm mich in den Arm. Ich fand meine Geschwister und rief sie herein. „Sie hat es geschafft“. Noch zweimal schnaubte ihr Körper ganz leicht, aber ihre Seele hatte die Freiheit gefunden.

Trotz der Traurigkeit über ihr fortgehen, war die Stimmung glücklich und gelöst. So einen friedvollen und sanften Tod. Das hatten wir ihr doch alle so von Herzen gewünscht. Die Situation selbst hatte für mich auch nichts mehr mit Angst zu tun. Vater meinte hinterher, mein Gesicht wäre erstarrt und blutleer gewesen. Wenn mir in diesem Moment einer Blut hätte entnehmen wollen, wäre kein Tröpfchen gekommen.
Ich selbst empfand das alles voll OK. Ich hatte mich doch immer so vor diesem Moment gefürchtet. Und ich fand es auch so unglaublich. Jetzt in diesem Moment entschloß sich Mama dazu auf diese wunderschöne Weise zu gehen. Wir bestimmen, wann wir als Baby den Mutterleib verlassen und in vielen Fällen dürfen wir wohl auch entscheiden, wann wir diese Erde wieder verlassen.

Für meine Schwester war es faszinierend, dass Mama die Augen dann von selber wieder schloß. Auch der Mund war nicht allzusehr geöffnet. Mama lag ganz friedlich und entspannt in ihrem Bett.

Sie durfte dort auch bleiben. Die Aussegnungsfeier sollte morgen um 10 Uhr sein. Mama wurde noch ein wenig gewaschen, buntes Laub und Blumen wurden um sie rum auf dem Bett verteilt. Vor die Tür, an den Türrahmen wurde eine kleine Vase mit einer Blume befestigt. Alles war so würdevoll und wunderschön.

Epilog

Das Alles geschah in gerade mal 4 Wochen.
Heute denke ich, dass es an ein Wunder grenzt, dass wir nicht alle durchgedreht sind.

An dieser Stelle möchte ich noch meinen ganz besonderen Dank an ganz besondere Menschen aussprechen:

An meinen Mann, der nach seiner Arbeit und in den letzten Tagen auch nachts ganz selbstverständlich für unseren Sohn da war.

An meine Schwägerin, die für meinen Sohn nach der Schule gesorgt hat, so dass ich mich voll meiner Mama zuwenden konnte.

An meine Arbeitgeber, die mich für diese sehr intensive Zeit immer wieder freigestellt haben.

An die Schwestern, Pfleger, Ärzte und Ärztinnen im Krankenhaus, die ich ja leider hier nicht namentlich nennen kann.

An die guten Seelen im Hospiz, die rund um die Uhr für uns und Mama da waren, die Mama immer mit Respekt behandelt haben.

An die zuständige Pfarrerin aus dem Hospiz. Sie hat uns eine stille Aussegnungsfeier im Hospiz geschenkt.

An ihren Mann, Pfarrer bei der Trauerfeier und Urnenbeisetzung. Er hat in seiner Rede alles auf den Punkt gebracht und uns aus dem Herzen gesprochen. (Ursprünglich baten wir die Pfarrerin die Trauerfeier abzuhalten. Leider war sie an diesem Tag verhindert. Wie glücklich waren wir aber dann, als herauskam, dass ihr Mann zufällig die Vertretung für den ortsansässigen Pfarrer war.)

Und natürlich an alle die, die mir, meinen Geschwistern und unserem Vater immer wieder zugesprochen haben, mit uns gelitten haben, mit uns geweint haben.

Danke.

2 Gedanken zu „Mama Mai 1936 – Oktober 2003“

  1. Wir sind uns so fremd noch nie begegnet und haben unsre Mûtter auf gleiche Weise verloren.Ich habe meinen Schmerz in deinem erkannt und du warst mir sehr nahe als ich alles durchgelesen hab.Eine Fremde wurde mir soeben sehr vertraut.Sie fehlt mir sehr ist aber jeden Tag in unsrer Mitte.Liebe bleibt über den Tod hinaus.

    1. Liebe Susa,
      vielen Dank für deine lieben Worte.
      Ich musste gerade erst mal schlucken, als ich deinen Eintrag gelesen habe.
      Auch nach so vielen Jahren ist meine Mama noch jeden Tag präsent.
      Gerade müssen ich und meine Geschwister diese grausame Zeit noch einmal aufarbeiten, da unser Vater schwer krank ist und an einer schlimmen Depression leidet, die darauf zurück zu führen ist.
      Ich wünsche dir und uns weiterhin viel Kraft.

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